"Mit der Literatur dahin wo sie nicht ist"

15. Februar 2002, 22:27
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Erfolgsgeheimnis und 15jährige Geschichte des "Fröhlichen Wohnzimmers"

Verlagskultur hat kein offizielles "Sub", verpasst sie sich zugleich das Branding von Avantgarde-Literatur. Besonders in Wien geht der Begriff mit der experimentellen Literatur einher. Lebenshaltung, moralischer Impetus etc. bleiben oft genug Understatements. Anders rund um's Wohnzimmer. Inmitten der Szene haben es die Autoren Ilse Kilic und Fritz Widhalm geschafft, ihrer "Edition mit Schwein" ein Branding zu verpassen, mit dem sie fester Bestandteil der Szene geworden ist, wobei der Stoff ihrer Bücher vom experimentellen Syntax-Spiel genauso wieder abweicht.

Das Erfolgsgeheimnis scheint zwei Komponenten zu haben. Die eine - der Punk in der Schrift - hat mit der Frage nach dem Wohnzimmer, das kein Verlag ist, zu tun. Die andere ist das Glücksschwein als Logo.

Experiment und Lebenshaltung

Dieter Scherr, Co-Autor von Widhalm, hat den Umgang mit Wortmaterial einmal als "Recycling" bezeichnet. Gefragt, ob man den Begriff auch auf die U-Musik und die Filme des Wohnzimmers übertragen kann - bis vor kurzem fungierte es auch als Punkband, die durch einzigartige stimmliche und klangliche Vocals überraschte - erklären Widhalm und Kilic, dass Lebenshaltung und Material für sie in beiden Kunstarten nicht trennbar seien. "Neue Werte für altes Material werden geschaffen", wobei das Material formal einen Klangraum aus Schrottinstrumenten konfiguriert. Z.B. wird ein Regenrohrton mit klassischen Vocals, E- und U-Instrumentalklängen zusammenmontiert. In der Literatur gilt dieses Credo auch für die Autoren des Verlags: So weisen die Herausgeber auf die "Aufnahme von Schundthemen" - in der Literatur hin. Die Autorinnen Margret Kreidl und Karin Schöffauer z.B. hinterfragen Heimatdrama- und erzählung durch experimentelle Verfremdung, Kilic und Widhalm klassischen Stoff in Super 8-Filmen.

Unzufrieden mit der Verlagslandschaft

Gegründet wurde das Fröhliche Wohnzimmer 1987 aufgrund einer Unzufriedenheit mit der hiesigen Verlagskultur. Wenn es um die Veröffentlichung experimenteller Literatur geht, sind die Verlage ziemlich zurückhaltend. Ergebnis ist die kleine Non-Profit-Edition, die ihre Literatur dahin bringen will, "wo sie auf dem üblichen Vertriebsweg nicht hinkommt". Nachdem Kilic und Widhalm zunächst nach dem Muster der Herbstpresse per Hand Unikate gefertigt haben, selbst gebunden und auch die Covers gezeichnet haben, schließlich die Bücher "subkulturell" verteilt haben, gibt es sie heute in 89 Buchhandlungen. Vier werden pro Jahr mit einer Auflage von 500 produziert, Vertrieb steigend.

"Hab Schwein"

Mit dem Verlagstier hat es folgendes auf sich: Es ist ein wandelbares Logo. Wandelbar, das heißt: Jede/r Autor/in sucht sich ein Schwein, das ins Impressum oder auf den Deckel kommt. Ilse Kilic erzählt, wie sie auf das Schwein getroffen sind: "Bei der ersten Anthologie ist es zufällig auf dem Cover gelandet." Jetzt hat es sich sozusagen festgebissen. Denn es ist das, was für die Edition ohnehin steht: Glück, gesellig und triebhaft, spürsinnig. Also: Hab Schwein. (Marietta Böning)

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