"Das Jüdische Echo": Dialogforum europäischen Geisteslebens

11. Februar 2002, 20:28
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Ein Unikum wird fünfzig Jahre alt. 1952 als dünnes Mitteilungsblatt von wenigen Jahre davor der Verfolgung durch die Nazis entkommenen jüdischen Hochschülern entstanden, entwickelte sich das nach wie vor von Leon Zelman redigierte Jüdische Echo zur dickleibigen, einmal im Jahr erscheinenden Kulturzeitschrift, einem Dialogforum, prall mit Essays zum jüdischen und europäischen Geistesleben in der Gegenwart.

In annähernd hundert Beiträgen schreiben in der Jubiläumsnummer (Bezug über das Jewish Welcome Service Vienna, Tel. 01/533 27 30, www.jewish-welcome.at) prominente Autoren von Anton Pelinka über André Heller bis zu Erika Weinzierl. Zu Reprints wichtiger Texte aus der Ausgabe zum 30-jährigen Echo-Jubiläum (Hilde Spiel, Friedrich Heer) kommen aktuelle literarische Beiträge u. a. von Elfriede Jelinek und Robert Schindel.

Unter den zahlreichen Grußadressen von Politikern findet sich ebenfalls höchst Aufschlussreiches. So erinnert Exkanzler Franz Vranitzky daran, dass der Parteienproporz, der von Jüngeren nun in "Jurassic-Park-Kategorien" gesehen werde, 1945 Österreich wesentlichen Halt gegeben habe, weil er das aus dem Bürgerkrieg stammende Misstrauen zwischen Rot und Schwarz reduzierte. Vranitzky verrät auch, dass er seine Erklärung über die Mitverantwortung von Österreichern für die Verfolgungen des NS-Regimes, mit der er 1991 Aufsehen erregte, schon früher abgeben wollte, dann aber auf die "entsprechende politische Atmosphäre" im Land wartete.

Einen weiteren heiklen Punkt berührt SP-Politiker Heinz Fischer, der sich kritisch mit dem Verhalten Bruno Kreiskys gegenüber Simon Wiesenthal auseinander setzt.

Mit dem Nationalratspräsidenten Fischer führt Zelman auch außerhalb der Zeitschrift eine rege Diskussion, weil er im Wiener Ringstraßenpalais Epstein, in dem Büroräume des Parlaments geplant sind, sein Projekt eines "Hauses der Geschichte" realisieren will. Die Leitung der Zeitschrift möchte der 1928 geborene Zelman künftig einem Komitee aus jüdischen und nicht jüdischen österreichischen Intellektuellen übertragen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 2. 2002)

Das Jüdische Echo Europäisches Forum für Kultur & Politik

350 Seiten, jährlich einmal Jewish Welcome Service 1010 Wien, Stephanspl. 10

Von Erhard Stackl
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