Pestizide im Gesundmacher

12. Februar 2002, 11:23
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Global 2000: Sämtliche getestete Paprika mit Giftstoffen kontaminiert - EU-Kommissär Byrne: Die Lebensmittelkontrolle ist ungenügend

Wien - Das ist ja das Gesunde am europäischen Markt. Wenn es hier im Norden friert und schneit und der Körper nach Vitaminen verlangt, liegen reife Paprika griffbereit in den Supermarktregalen. Paprika sind, so wissen es die Ernährungsexperten, hervorragende Vitaminspender, denen eine gewisse Anti-Krebs-Wirkung nachgesagt wird. Vorausgesetzt, es handelt sich nicht um jene Paprika, die die Umweltorganisation Global 2000 jetzt hat testen lassen.

Die Organisation hatte in den letzten Wochen zehn Kilo spanischer Gewächse - gegenwärtig sind fast ausschließlich Paprika aus diesem südlichen EU-Land im Handel - in den fünf größten Supermarktketten gekauft und in einem Labor testen lassen. Das Ergebnis sei ein "Lebensmittelskandal", sagt Global-2000-Lebensmittelexperte Klaus Kastenhofer zum STANDARD. Sämtliche Paprikaschoten seien mit Giftstoffen kontaminiert gewesen, hätten zum Teil erhebliche Pestizidrückstände aufgewiesen. Kastenhofer: "Der ahnungslose Konsument nimmt mit dem Verzehr einer einzigen Paprika einen Giftcocktail aus bis zu acht Pestiziden zu sich."

Auch verbotener Wirkstoff Pyrazophos gefunden

Obendrein fanden die Global-Laborexperten den in der EU seit 2000 verbotenen Wirkstoff Pyrazophos. "All diese Pestizide wirken stark krebserregend und können schon in geringen Mengen Veränderungen in Hormonhaushalt und Nervensystem hervorrufen. Auf diese Weise wird eine Vitamin-C-Bombe, die eigentlich unsere Zellen vor Krebs schützen soll, zu einer Bedrohung", warnt Kastenhofer." Global 2000 fordert jetzt einmal mehr "strenge Lebensmittelkontrollen".

Die geplante Ernährungsagentur werde diese nicht ermöglichen, kritisierte am Montag Harald Glatz, Leiter der Abteilung Konsumentenpolitik in der Wiener Arbeiterkammer (AK). "Mag sein, dass die Absichten ursprünglich gut waren", konzedierte er. Herausgekommen jedoch sei eine "finanziell ausgehungerte" Institution, die "vielleicht nur mehr eingeschränkt kontrollieren" werde können.

Weniger Geld

So hätten ursprüngliche Entwürfe für die vier Haupt-und mehrere Nebenstandorte umfassende Agentur "ein jährliches Budget von 860 Millionen Schilling (62,4 Millionen Euro)" vorgesehen, während nun die Summe von 780 Millionen Schilling (56,6 Millionen Euro) festgelegt sei. Eine Mittelverknappung, die auch von SPÖ und Grünen kritisiert wird.

Überdies werde die Auslagerung der Agentur als GmbH "das Risiko von Interessenkollisionen erhöhen": So müssten dann etwa "privatisierte" Agenturmitarbeiter das Agrarbetriebsmittelrecht vollziehen. Ganz so, als seien sie immer noch eine Behörde.

Stattdessen, so der AK-Experte, müsse ein härteres Lebensmittelrecht her. Eines, das im Beanstandungsfall "nicht den kleinen Filialleiter, sondern die Unternehmensleitungen selbst" zur Verantwortung ziehe. Das O.K. für den Agenturstart am 1. Juni 2002 wird aller Voraussicht nach heute, Dienstag, im parlamentarischen Landwirtschaftsausschuss gegeben werden. Mit den Stimmen der Regierungsparteien, während Opposition und Personalvertreter lautstark eine "drohende Einsparung von 177 bis 240 Posten" beklagen. (Irene Brickner und Walter Müller, Der Standard, Printausgabe, 12.02.02)

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