"Sie hassen uns mehr als die Amerikaner"

11. März 2002, 18:30
posten

Keine Spur von den Taliban an der iranisch-afghanischen Grenze - Ihre Gegnerschaft zu Teheran ist lang

Dogharun an der iranisch-afghanischen Grenze sieht aus wie eine Stadt aus den alten Westernfilmen. Ein paar Regierungsgebäude gibt es und mehrere Beamte, die hier hausen müssen und sich langweilen. Dicht an dicht stehen die Lastwagen, die Fahrer sonnen sich bei peitschend kaltem Wind hinter einer Mauer. Manche warten seit fünf Tagen, weil die Zollabfertigung auf der anderen Seite keine Regeln kennt.

Herat, die große Provinzstadt im Westen Afghanistans, ist nur 120 Kilometer entfernt. Aber man braucht mindestens acht Stunden, wenn man Glück hat, sagt ein Lastwagenfahrer und ist froh, dass er seine Ware kurz nach der Grenze in Islam Ghale abladen darf. Ab Islam Ghale übernehmen die afghanischen Lastwagen den Weitertransport. 32 Tonne Seife hat der Fahrer geladen. "Nachdem die Taliban abgehauen sind, will sich jetzt jeder reinwaschen", meint ein anderer Fahrer lachend und bietet eine Tasse Tee an.


"Amis haben das Sagen"

Auf die Taliban haben alle hier eine Wut. Mehrere große Bulldozer und Straßenräummaschinen stehen an der Grenze. Bauarbeiter warten auf eine Anordnung der neuen Regierung, um die Straße nach Herat wenigstens befahrbar zu machen. "Wir könnten in einem Monat die Arbeit erledigen, aber die Amis sind dagegen und nun haben sie ja in Afghanistan das Sagen", meint ein Vorarbeiter.

Etwa 400 Afghanen passieren jeden Tag hier die Grenze nach Afghanistan, die meisten stammen aus Mazar-e Sharif und waren nach der Machtübernahme der Taliban nach Iran geflüchtet. Auch Ismael Khan, der heutige Gouverneur von Herat, und seine Truppen sind nach dem Einmarsch der Taliban in Herat vor drei Jahren hier gewesen. "Wir haben sie versorgt", sagt Djafari, der Beamte vom UNO-Flüchtlingskommissariat, das dicht an der Grenze sein Büro hat. Für die Taliban ist das Grenzgebiet des Iran nach dem Zusammenbruch ihres Regimes die falsche Adresse. "Nein, die können hier keine Zuflucht finden, die sind ja verhasst. Und auf der anderen Seite der Grenze hat man sie auch kaum gesehen", meint er.

Auch der Flüchtlingsbeauftragte des iranischen Innenministeriums, der neben dem UNO-Gebäude sein Büro hat, verneint die Frage nach den Taliban. Hosseini dürfte sich hier gut auskennen und lacht über die Behauptung der Amerikaner, führende Taliban- und Al-Qa'ida-Kämpfer seien nach Iran geflüchtet. "Wie können sie nach Iran kommen? Wir haben sie doch schon vor den Amerikanern bekämpft, sie hassen uns doch mehr als die Amerikaner", meint er. Mehr als zwei Millionen afghanische Flüchtlinge leben nun in Iran. Nur diejenigen, die ihre Familien noch in Afghanistan haben, denken an eine Rückkehr.


Schmuggel und Blumen

Von Dogharun aus kann man die afghanische Flagge in Grün-Weiß-Schwarz erkennen. Die Grenze ist in diesem Gebiet genau markiert und tiefe Gräben trennen die Linie zwischen den beiden Staaten, um die Schmugglerrouten zu durchschneiden. Anders als in der Provinz Baluchestan im Südosten Irans ist die Grenze hier schwer passierbar. Mit Radarposten noch aus der Zeit des Schahs versucht die iranische Armee, den Bewegungen der Drogenschmuggler zu folgen.

Nicht weit von hier wächst eine der edelsten Blumen der Welt, der Khorasan-Safran stammt von dieser Blume - tiefblau wie der Himmel und violett wie die Berge hier bei Sonnenuntergang. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 12.3.2002)

STANDARD- Korrespondent Amir Loghmany aus Dogharun
Share if you care.