"Shallow Hal": Außen pfui, innen hui

30. Juli 2004, 15:17
2 Postings

Schwergewichtskomik der Farrelly-Brüder

Wien - Die Bestätigung der Qualität innerer Werte scheint auf den ersten Blick die allzu ernsthafte Essenz einer Komödie über dicke und hässliche Menschen zu sein. Zumal, wenn es sich um ein Werk der Farrelly-Brüder handelt, der beiden Großmeister derber, oft körperbezüglicher Zoten - die mit Filmen wie Dumm und Dümmer, Verrückt nach Mary oder zuletzt Me, Myself and Irene gesellschaftliche Tabus gebrochen und die Skala der Sichtbarkeit sexueller Missgeschicke und "Entstellungen" genüsslich ausgeweitet haben.

Foto: REUTERS/Centfox
Auf hoher See: "Shallow Hal" begleitet ein ungleiches Paar (Gwyneth Paltrow und Jack Black) unter widrigen
Umständen ins Glück

Freilich nur auf den ersten Blick. Denn im Grunde gibt es zurzeit nur wenige moralischere US-Filmemacher: Löst man die spektakulären Inszenierungen vom Versagen menschlicher Verhaltensmuster nicht aus ihrem erzählerischen Zusammenhang, dann lassen sich ihre Filme als schonungslos offene, von keinerlei politischer Korrektheit eingeschränkte Diagnosen der sozialen Zerrissenheit der (US-)Gesellschaft verstehen.

Shallow Hal - zu Deutsch etwa "der seichte Hal" -, der jüngste Farrelly-Film, bestätigt diese Lesart umso mehr, als die Zoten im Verhältnis zu dem in allen ihren Arbeiten wirkenden romantischen Prinzip in den Hintergrund gerückt sind. Der kleinwüchsige, mollige Hal (Jack Black, bekannt aus High Fidelity) und sein nicht eben hübscherer Buddy Mauricio (Jason Alexander) sind Männer mit Ansprüchen, aber ohne Talente - ihre Traumfrau ein Klon aus Teilen Michelle Pfeiffers, Pamela Andersons und Heidi Klums.

Pfundige Realität

Umsonst rackern sie sich auf der Tanzfläche mit ihren Hüften ab, vom Laufpass gestraft, bis Hal von einem Imageberater umgepolt wird - und innere weibliche Schönheit als äußere "missversteht". Mit einem Mal wird er von Frauen begehrt, aber nur, weil wir die Welt aus seinen Augen (und denen der Farrellys) sehen. Sobald der Blick an einen Dritten, etwa Mauricio, abgegeben wird, ist die Realität um etliche Kilos schwerer.

Dass ein derartiger Perspektivenwechsel nur ein begrenztes Maß an expliziten Gags abwirft, haben die Farrellys erkannt; sie betreffen meist Dessousgrößen oder Essvorlieben, und das (wahre) Erscheinungsbild nimmt nur in Teilansichten Gestalt an. Insofern verlagern sie ihr Augenmerk auf die Romanze zwischen Hal und Rosemary, wobei es vor allem an der Zurückhaltung von Gwyneth Paltrow liegt, an ihrer Ambivalenz aus Schüchternheit und Anmut, die Shallow Hal fast zum überspannten Melodram werden lässt.

Natürlich idealisieren die Farrellys auch dieses Bild der reinen Liebe über jedes Maß und führen Hal schließlich als kinderliebenden Humanisten ins Happyend. Aber sie lassen dabei die gewichtigen Makel eines jeden intakt, sie beschönigen nichts, vielmehr umarmen sie liebevoll eine unvollkommene Welt.

Das gilt übrigens auch für die äußere Form von Shallow Hal, welche die schon bisher unprätentiöse Bildgestaltung der Brüder noch untertrifft - von Lichtregie kann keine Rede mehr sein. Doch auch hier waltet das Prinzip: Um innere Schönheit zu erkennen, darf man sich nicht von Oberflächen beirren lassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 2. 2002)

Share if you care.