Die lustigen Nägelbeißer im Athener Wald

11. Februar 2002, 21:42
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Shakespeare: Ästhetische Gegenoffensive zur Berlinale an den Großtheatern der Hauptstadt

Die Berliner Großtheater entfalten parallel zur Film-Berlinale ihre ganze Inszenierungspracht: Die Bemühungen um den Titanen Shakespeare geraten zum teilweise unfreiwilligen Leistungsverweigerungsnachweis.

von STANDARD-Mitarbeiter Rolf C. Hemke


Berlin - Das echte Hauptstadttheater, ob Tragödie oder Satire, spielte sich bislang eher auf der Politbühne ab als in den (noch) hochsubventionierten Berliner Theatern. Pünktlich zum Auftakt der 52. Film-Berlinale gingen drei große Häuser in eine Art substanzielle, ästhetische Gegenoffensive und offerierten an drei Tagen hintereinander große Shakespeare-Premieren.

Eindeutiger "Sieger" dieses Kräftemessens ist das Deutsche Theater (DT), das unter der neuen Intendanz von Bernd Wilms immer weiter an Format gewinnt und endlich zum ästhetischen Gegengewicht zu Castorfs Volksbühne werden dürfte, an dem es im Berlin der Intendanten Peymann (Berliner Ensemble) und Ostermeier (Schaubühne) bisher mangelte.

Holm. kluger, hochmusikalischer Shakespeare-Regisseur

Der junge schwedische Regisseur Staffan Valdemar Holm übernimmt, wie bereits vermeldet, im November die Leitung der ruhmreichen Königlichen Dramaten Stockholm. Mit seiner wundertraurigen DT-Inszenierung von Was ihr wollt erweist er sich als kluger, hochmusikalischer Shakespeare-Regisseur, der ein disparates Ensemble zu spürbarer Spiellust führen kann. Es scheint in dieser Produktion beinahe so, als hätten die alten DT-Stars wie Christian Grashof (als Narr) oder der als staubtrockener Komiker verblüffende Dieter Mann (als Malvolio) nie mit anderen Protagonisten gespielt als mit Jungstars wie Regine Zimmermann (als Olivia).

Die Drehbühne des Deutschen Theaters hat Bente Lykke Möller mit zwei nahezu identischen, dumpf beengenden Räumen ausgestattet, welche hier jedoch keine skurrilen Lemuren bevölkern: Holm nimmt Shakespeares Komödienpersonal vielmehr ernst, zeigt es vereint im hochnotkomischen Kampf gegen die gleichförmige Alltagstristesse und im Ringen um eine Erlösung in der Liebe, die bis zur bedingungslosen Selbstaufgabe reicht, da ihnen in ihrem kleinen Bühnenuniversum gar nichts anderes übrig bleibt.

Holm erfindet kleine Szenenpartikel, brillant komponierte Kabinettstückchen, die das Alltagsleben der Figuren zeigen, wenn sie sich gerade auf der Drehbühne "unbeobachtet" wähnen. Dann sieht man, wie der kleine Säufertrupp um Tobi Rülps (Oliver Bäßler) die Zeit totschlägt oder wie sich der Herzog Orsino (Ingo Hülsmann) erschießen will und doch nur scheppernd das Klavier trifft.

Paulhofer: Beim Inszenieren von Macbeth "klassisch verhoben"

An der Schaubühne am Lehniner Platz hat Christina Paulhofer mit Macbeth ihren ersten großen Klassiker inszeniert und sich gleich "klassisch" verhoben. Sie will die Geburt des Monströsen aus dem Geist der Harmlosigkeit zeigen. Einzig Karin Pfammatter als Lady Macbeth vermag diesen Ansatz umzusetzen, wenn sie kindlich eitel über den Laufsteg schreitet, der den Raum in zwei Hälften teilt.

Mit dem Kindertraum von Macht auf den Lippen, plappert sie leichtsinnig von blutigen Gräueltaten. Sonst prägt die Aufführung ein hohler Ton der Teilnahmslosigkeit, der ein biederes Spektakel bloß textlich einfriedet.

Schon Duncans Besuch auf Macbeths Schloss wird mit halbnackten Tänzerinnen, Feuerspuckern und Seilartistin begangen. Selbst Mord-und Totschlag bieten nur rotspritzende Langeweile - dafür flieht Macbeths Rivale Banquo auf einem veritablen Schimmel. Mordgelüste, Größenwahn kulminieren in einer blöden Muskelmannpose des so geschimpften "Diktators" (André Szymanski) auf seinem Thron. Doch die platte Behauptung beglaubigt keine blutige Politfarce.

Haußmann: Der dritte Streich

Als dritter "jüngerer" Regisseur hat Leander Haußmann Shakespeares Sommernachtstraum zum nunmehr bereits dritten Male inszeniert: Am Berliner Ensemble, mithin dem Theater, an dem vor knapp hundert Jahren Max Reinhardt mit gleichem Stück seine vielleicht wichtigste, stilbildende Regiearbeit vorstellte. Auf der damals neu installierten Drehbühne ließ er seine Darsteller durch einen romantisch-versponnenen Athener Wald irren. Haußmann sucht ironisch an dieses historische Vorbild anzuknüpfen. Doch Paul Lerchbaumers Variation auf die Reinhardt-Bühne wirkt eher wie die Kulisse für ein Weihnachtsmärchen.

Hier treibt immerhin eine hübsche Figurenerfindung ihr unheiliges Wesen: Katharina Thalbachs Puck ist der komische Mittelpunkt des Abends, ein spillerig kleiner, grüner Kobold mit Wurzelfingern, die er immer wieder abbeißt und die ihm doch alsbald nachwachsen. Die somnambulen Liebesverwicklungen ringsum, die Haußmann mit seinen üblichen Witzchen garniert, können die Überlänge des Abends von gut vier Stunden kaum erträglicher gestalten.

Die Szenen im Athener Palast sind gestrichen; dafür walzt Haußmann das kleine Possenschauspiel der Handwerker um Zettel (David Bennent) und Squenz (Norbert Stöß) zu einer präabsurden Persiflage aus: Dem illusionistischen Waldspiel soll die graue Stadttheaterrealität gegenübertreten. Peinlich nur, dass seine Inszenierung zu keinem Zeitpunkt darüber hinausgelangt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.02. 2002)

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