"Wenn ich weiterrede, werden sie mir zuhören müssen"

11. Februar 2002, 19:40
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Kein Geld für sie, dafür Ignoranz: Afghanische Frauenministerin Sima Samar über ihre Sisyphosarbeit

Kabul - Sima Samar ist seit sieben Wochen im Amt und hat nach eigenen Worten die vermutlich schwierigste Aufgabe in Afghanistan zu bewältigen. Die Ministerin für Frauenfragen soll die Rechte der Frauen wieder in Kraft setzen, die ihnen von den radikal-islamischen Taliban entrissen worden waren und deren Missachtung eine lange Tradition in Afghanistan hat. "Ich bekomme nicht wirklich die Unterstützung, die ich brauche", sagte Samar am Montag. Obwohl sie seit bald zwei Monaten im Amt sei, habe sie erst vor kurzem ein Büro zugeteilt bekommen. "Ich habe mich dafür eingesetzt, Büroräume für unser Ministerium zu bekommen und jetzt haben wir es, aber es ist leer, alle Schreibtische und Stühle sind weggenommen worden, alle", sagte Samar. Dabei seien ihr Möbel und zwei Computer versprochen worden sowie einen Vorrat an Büromaterial von den Vereinten Nationen.

Pläne, aber kein Geld

Es sei ein frustrierender Neubeginn, der wegen der weltweiten Aufrufe zur Unterstützung der unterdrückten afghanischen Frauen besonders ärgerlich sei, sagte Samar. Konferenzen, Seminare und Websites über die Rechte der Frauen in Afghanistan gebe es viele, aber nötig sei Geld. Nur so könne sie ihre ehrgeizigen Pläne verwirklichen. Nach den Vorstellungen Samars soll das Ministerium Hunderten von Frauen Arbeit bieten. Zudem wolle sie eine spezielle Rechtsabteilung einrichten, um die Rechte der Frauen in der neuen afghanischen Verfassung zu verankern, sagte die Ministerin. Für traumatisierte Frauen wolle sie ein Zentrum zu deren Schutz und Behandlung gründen. Ferner plane sie, die Berufsausbildung arbeitsloser Witwen sowie Schreib- und Computerkurse für Frauen zu fördern. Nach UNO-Angaben hat die seit Ende Dezember amtierende Übergangsregierung 16 Millionen Dollar (18,3 Mill. Euro/252 Mill. S) von insgesamt 20 Millionen Dollar (22,9 Mill. Euro/315 Mill. S) Startkapital erhalten. "Es ist Geld für dieses Ministerium bereitgestellt, es gibt Versprechungen, aber es ist noch nichts angekommen", sagte Samar.

Langsame Veränderungen

Zum Missfallen ihrer Kabinettskollegen trägt die 45-jährige Ärztin Jeans oder andere Hosen und vergisst oft, ihre kurz geschnitten braunen Haare mit einem Tuch zu bedecken. "Ich gerate immer in Schwierigkeiten", sagte Samar. Während der sowjetischen Besatzungszeit war sie ins benachbarte Pakistan geflüchtet, wo sie die medizinische Versorgung afghanischer Flüchtlinge leitete. Langsam begännen sich die Dinge jedoch zu ändern, sagte Samar. "Frauen beginnen zur Arbeit zurückzukehren. Sie dürfen ohne männliche Begleitung aus dem Haus. Sie haben Zugang zu Krankenhäusern und niemand verprügelt sie, wenn sie ihre Burkas nicht tragen", sagte Samar. Aber es stünde noch ein langer Weg bevor. "Sie (meine Kollegen) versuchen, mich zu ignorieren, aber wenn ich weiter rede, dann werden sie zuhören müssen."
(APA/Reuters)
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