Kaschmir: Harte Fakten, vage Visionen

11. Februar 2002, 17:43
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Mehr als 270 Tote in einem Monat allein im Kaschmir-Tal - Für eine politische Lösung des Konflikts gibt es kaum Ansatzpunkte

Srinagar/Jammu - Es gibt einen Moment, wo auch der hartgesottenste Separatist aus dem Kaschmir-Tal die politischen Realitäten anerkennt: Kaschmir, Indien, ist groß auf die islamisch-grünen Reisetaschen gepinselt, mit denen sich die Pilger am Flughafen Srinagar in die - von der indischen Regierung subventionierten - Flüge nach Mekka einchecken. Unter ihnen mögen Kaufleute sein, die sich am 5. Februar dem in Pakistan eingehaltenen "Kaschmir- Tag" mit einem Streik angeschlossen haben. Laut kaschmirischen Medien kam es dabei zu Übergriffen der indischen Armee, die die Kaschmiris zwingen wollten, ihre Geschäfte aufzusperren.

Vertriebene Hindus Zivile Opfer anderer Art in einem Flüchtlingslager bei Jammu, der Winterhauptstadt des Staates Jammu & Kaschmir, eine halbe Flugstunde von Srinagar: Ein paar Tausend Hindu-Flüchtlinge aus dem Kaschmir-Tal leben hier in stallähnlichen Räumen. Nur das nackte Leben haben sie gerettet, als sie, so erzählen sie, von islamistischen Militanten vertrieben wurden. Nach indischen Angaben mussten mehr als 300.000 Hindus ihre Heimat verlassen. Den Traum von der Rückkehr haben sie nicht aufgegeben: Ein hinduistisches "Homeland" im Kaschmir-Tal solle man ihnen geben, sagen sie der Reporterin.

Bislang 273 Tote

Derzeit stehen die Chancen für eine Rückkehr schlecht: Die neueste offizielle Statistik spricht von 273 Toten im Tal im Jänner, wobei mehr Militante (173) und weniger Zivilisten (70) als im Jänner 2001 getötet wurden. Die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, ist das Einzige, was die Lager verbindet.

Abdul Ghani Bhat, Chef der separatistischen 23-Parteien- Koalition Hurriyat, legt in seinem Büro in Srinagar einen emotionalen Auftritt hin: Ein Referendum in ganz Kaschmir (einschließlich des pakistanischen) sei ein unveräußerliches Recht, die Umwandlung der "mit Blut durch die Herzen der Menschen gezogenen" Waffenstillstandslinie in eine Grenze kommt für ihn nicht infrage. Aber dann: Wenn Pakistan, Indien und die Kaschmiris als wichtigste Partei eine Lösung finden, werde man diese akzeptieren, sagt Bhat. Und dass diese weder in einem Anschluss an Pakistan noch in der Unabhängigkeit bestehen wird, weiß der alte Haudegen ganz genau.

Während ein Vertreter der in Delhi regierenden BJP von Premier Atal Behari Vajpayee am Freitag in Jammu verkündete, Indien müsse den 1947 an Pakistan verlorenen Teil Kaschmirs wieder zurückerobern, wird anderswo kühler gedacht. Die Anerkennung der Waffenstillstandslinie gleichzeitig mit einer Autonomieerweiterung hat die in J&K regierende Nationalkonferenz (NC) von Chefminister Faruq Abdullah aufs Tapet gebracht. In Wahrheit ist die Idee so alt - 31 Jahre - wie die LoC (Line of Control) selbst.

Geschickter Schachzug Der in Srinagar als Vasall Delhis geltende Abdullah ist soeben dabei, die Partei an seinen Sohn zu übergeben: Omar Abdullah, derzeit Vizeaußenminister in Delhi (die NC ist ein Koalitionspartner der BJP-Regierung), gilt als integer und tüchtig. Die Hofübergabe sei ein geschickter Schachzug vor den Wahlen in J&K im Herbst, sagt der Chefredakteur von Daily Excelsior in Jammu, S. D. Rohmetra.

Die Preisfrage, wer die Kaschmiris repräsentiert, die Nationalkonferenz oder Hurriyat, wird bei den Wahlen nicht gelöst werden, denn Hurriyat wird sie boykottieren. Dass die muslimisch dominierte Koalition keinesfalls für die 65-Prozent-Hindu- Mehrheit in Jammu sprechen kann und auch nicht für die Buddhisten in Ladakh (der im Namen unterschlagene dritte Teil von J&K), ist klar.

Die Idee, dass man J&K dreiteilen und das Problem damit auf das sunnitische Kaschmir-Tal reduzieren könnte, lehnt Delhi strikt ab. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 12.2.2002)

STANDARD- Redakteurin Gudrun Harrer
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