Fahrraddiebe

11. Februar 2002, 17:00
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Jetzt, hat S. gesagt, wird er richtig sauer. Nicht irgendwie sauer, sondern wirklich richtig sauer. Weil er das jetzt persönlich nimmt: Sie haben ihm schon wieder das Fahrrad geklaut. Im Februar. Wer bitte, schnaubt S., kann sonst schon Anfang Februar sagen, man habe ihm das Rad geklaut?

S. ist Spezialist. Für Fahrraddiebstähle. Wenn eines fehlt, dann das von S. Und das liegt keinesfalls an den Rädern die S. fährt. Oder den Schlössern die er verwendet. Wenn S. ein rostiges Klapprad mit einem massiven Bügelschloss an einen bewaffneten, topmotivierten Wega-Mann in einer Polizeikaserne hängt und im dunkle, menschenleeren Park lehnen sauteure, brandneue High-Tech-Mountainbikes, die mit Bindfaden das (Carbon-)Vorderrad markiert haben, fehlt S. Klapprad als erstes. Das ist einfach so ? fragen Sie nicht nach dem Grund, S. tut es auch nicht mehr.

2001 waren es fünf

Im Vorjahr hat S. so fünf Räder eingebüßt. Im Jahr davor waren es vier: Ein Mountainbike und dreimal das vom Falter. Da hat er sich noch irgendwie einreden lassen, dass Mountainbikes halt teuer und Falter-Räder schick sind. Aber letzte Saison waren es echt nur noch Schrottmühlen. Zumutungen mit Pedalen. Und trotzdem.

Das Blöde ist, dass S. gerne Rad fährt. Weil es praktisch, umweltfreundlich, gesund und ? im Normalfall ? auch billig ist. (Die Vokabelkombination ?Radfahren? und ?billig? würde ich in S. Gegenwart derzeit eher meiden.). Drum will er es sich nicht vermiesen lassen. Außerdem ist das mittlerweile eine Frage des Prinzips: Ein S. lässt sich auch von der ? scheinbar ? gegen ihn organisierten Kriminalität nicht in die Knie, die Straßenbahn oder das Auto zwingen. Nicht, wenn das Wetter halbwegs passt.

Eine Woche ging es gut

Darum hat S. auch beim ersten frühlingshaften Spätjännersonnenschein sein Fahrrad aus dem Keller geholt. Er hat es nicht abgestaubt. Er hat die Kette nicht geölt. Er hat den kaputten Scheinwerfer nicht repariert (er verwendet Anstecklichter. Die sind ihm deshalb noch nie geklaut worden). Eine Woche ist alles gut gegangen. S. war glücklich: Fahrraddiebe halten scheinbar Winterschlaf. Am achten Tag war das Rad weg.

S. bewahrte die Fassung ? bis er mich vergangene Woche in der Redaktion besuchte: Wenige Meter vor dem Eingang ins Standard-Haus, vor dem Café Central, rostet seit über einem halben Jahr ein gelbes Fahrrad vor sich hin. Manchmal rückt es jemand ein paar Meter in irgendeine Richtung. Manchmal liegt es am Gehsteig. Aber weder Diebe, noch Vandalen noch Abmontierer würdigen es eines Blickes. S. findet das ungerecht. Und ist jetzt richtig sauer. So wirklich richtig sauer. Weil er das mittlerweile persönlich nimmt.

NACHLESE
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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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