Nerven- und Immunsystem kontrollieren einander

11. Februar 2002, 13:41
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Inssbrucker Forschung zeigt: Neuropeptide steuern die Funktion dendritischer Zellen

Innsbruck - Nerven als "Co-Piloten" des Immunsystems: Der Innsbrucker Wissenschafter Dr. Stefan Dunzendorfer hat einen neuen Beweis dafür erbracht, dass Nerven- und Immunsystem unter gegenseitiger Kontrolle stehen. Von Nerven abgegebene Substanzen (Neuropeptide) steuern offenbar die Funktion von dendritischen Zellen. Das sind zentrale Bestandteile der Körperabwehr.

Auszeichnung

Die entsprechende Arbeit aus dem Bereich der Neuroimmunologie ist in diesem Jahr das einzige Projekt, das im Rahmen des Aventis-Preises 2001 für Forschungsarbeiten an den medizinischen Fakultäten Österreichs in Innsbruck ausgezeichnet wird. Die Überreichung der Auszeichnung erfolgte Montag Vormittag an der Universität Innsbruck.

"Effekte des Nervensystems auf die Funktion von Lymphozyten, Monozyten und eosinophile Granulozyten werden bereits seit Jahren beschrieben. Über manche andere Leukozyten (weiße Blutkörperchen, Anm.) ist hingegen in dieser Hinsicht noch recht wenig bekannt. Wir haben untersucht, wie periphere Neuropeptide dendritische Zellen beeinflussen", erklärte der Arzt an der Universitätsklinik für Innere Medizin in Innsbruck aus Anlass der Zuerkennung des Preises.

Antigen-Aufnahme

Das Wissensdefizit traf bisher auch auf die dendritischen Zellen zu. Sie sind für das Funktionieren des Immunsystems und somit der körpereigenen Abwehr von entscheidender Bedeutung. Der Wissenschafter: "Diese Zellen patrouillieren durch den Körper und nehmen (mit ihren "Tentakeln") Antigene auf, die sie schließlich 'prozessieren' und gemeinsam mit den so genannten MHC-II-Molekülen an ihrer Oberfläche anderen Immunzellen präsentieren." Dieser Vorgang lässt schließlich eine spezifische Immunantwort in Gang kommen.

Klar war bisher, dass verschiedene Immunbotenstoffe die Dendriten beeinflussen. Doch das sind bei weitem nicht die einzigen Faktoren. Laut Dunzendorfers Forschungen spielen Faktoren, welche von Nervensträngen abgegeben werden (Neuropeptide, Anm.), eine ähnlich entscheidende Rolle.

Auf Wanderschaft

Diese Neuropeptide werden von Nervenfasern im Körper freigesetzt und ziehen die dendritischen Zellen zunächst an. Die "Tentakel-Zellen" beginnen darauf hin in jene Richtung im Körper zu wandern, in welche die Konzentration dieser anziehenden Faktoren zunimmt. Dunzendorfer: "Während dieser Wanderung findet die neuropeptid-unterstützte Ausreifung der dendritischen Zellen statt."

Doch am "Einsatzort" eingetroffen, vollzieht sich offenbar ein fundamentaler Wandel in den dendritischen Zellen. Der Innsbrucker Wissenschafter Dr. Stefan Dunzendorfer: "Die selben Neuropeptide entfalten am Zielort der Dendriten plötzlich das Gegenteil ihres ursprünglichen Effektes (wanderungsfördernde Wirkung auf unreife Dendriten, Anm.). Sie halten die dann ausgereifte Zelle dort fest." Das könnte einen wesentlichen Mechanismus bei der Aufrechterhaltung von entzündlichen Prozessen in bestimmten Geweben darstellen.

Änderung

Das Anlocken und schließlich das Arretieren der dendritischen Zellen an ihrem Ziel durch die selben Botenstoffe ist auf ein für die Wissenschafter erstaunliches Umschlagen in den Zellfunktionen der ausgereiften dendritischen Zellen feststellen: "Obwohl die selben Neuropeptide auf die selben Rezeptoren an der Oberfläche der Zellen wirken, ändert sich deren Funktion. Das erfolgt offenbar dadurch, dass es zu einer Änderung in der Weiterleitung des Signals von den Rezeptoren an den Zellkern kommt."

Während am Beginn des Prozesses ein Signal durch an den Rezeptor bindende Neuropeptide als Migrations- und Reifungsstimulus im Inneren der dendritischen Zellen weiter geleitet wird, wird das selbe Signal bei reifen Dendriten als "Arretierungs-Befehl" weiter geleitet und als solcher erkannt.

Auswirkungen

Es gibt bereits erste Hinweise, dass diese Mechanismen eine Rolle bei neuropeptid-assoziierten Erkrankungen spielen. Das könnte beispielsweise auf Lungenerkrankungen wie Asthma, auf die rheumatoide Arthritis (chronische Polyarthritis) oder auf den Morbus Crohn und anderen chronischen Darmerkrankungen zutreffen. (APA)

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