Chirac sieht sich als "Kandidat aus Leidenschaft"

12. Februar 2002, 12:21
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Erster Wahlgang am 21. April - Neogaullist verspricht Kriminalitätsbekämpfung und Deregulierung der Wirtschaft

Paris - Der französische Staatspräsident Jacques Chirac geht "aus Leidenschaft" in den Kampf um eine zweite Amtszeit. Nach der Bekanntgabe seiner neuerlichen Kandidatur nannte der 69-jährige Neogaullist die Wiederherstellung der staatlichen Autorität und des "sozialen Zusammenhalts" als wichtige Punkte seines Wahlprogramms. Zudem verwahrte sich der langjährige RPR-Vorsitzende gegen neue Vorwürfe in einer Parteispendenaffäre. Die sozialistische Partei seines Rivalen Lionel Jospin warf Chirac am Dienstag Konzeptlosigkeit vor.

"Was mich antreibt, ist die Leidenschaft", sagte Chirac am Montagabend im privaten Fernsehsender TF-1. "Ich möchte der Kandidat der Leidenschaft sein, der Kandidat Frankreichs, der Erneuerung und der Sammlung." Er versprach, trotz der zu erwartenden sehr schwierigen finanziellen Situation ein "klares Signal" der Abgabensenkung zu setzen. Die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs dürfe nicht weiter sinken. Französische und ausländische Unternehmen müssten wieder mehr in Frankreich investieren.

Wirtschaft und Gesellschaft müssten von überflüssigen und oft ideologisch motivierten Regulierungen befreit werden. Er wolle auch die Sicherheit aller Bürger wiederherstellen, sagte Chirac unter Anspielung auf die gestiegene Kriminalitätsrate.

Chirac bestreitet Beteiligung an Schmiergeldskandal

Der Gründer der neogaullistischen RPR bestritt, etwas über die systematische Eintreibung von Schmiergeldern bei der Vergabe öffentlicher Aufträge im Großraum Paris gewusst zu haben. Seinen ehemaligen Parteikollegen Didier Schuller, der dieses System im Departement Hauts-de-Seine aufgebaut haben soll, habe er persönlich gar nicht gekannt. Im übrigen hätten in den achtziger Jahren alle Parteien Mittel zur Finanzierung eingesetzt, die aus heutiger Sicht zu verurteilen seien, sagte Chirac.

Der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, Francois Hollande, kritisierte im RTL-Radio, es sei völlig unklar, für welches Projekt der Kandidat Chirac eigentlich stehe. Nach einer verpatzten siebenjährigen Amtszeit habe er seine insgesamt vierte Bewerbung um das höchste Staatsamt nicht begründen können. Der kommunistische Präsidentschaftskandidat Robert Hue sagte im Radio France-Info, Chirac vertrete in der Wirtschaftspolitik den ultraliberalen Kurs der Arbeitgeber.

Der sozialistische Premier Jospin will seine erwartete Kandidatur bis Ende des Monats offiziell bekannt geben. Die beiden Wahldurchgänge finden am 21. April und 5. Mai statt. Im Juni wird zudem die Nationalversammlung neu gewählt.

Debatte über Chiracs Kontakte zu Front National

Neuerlich aufgeflammt ist unterdessen die Frage angeblicher früherer Kontakte Chiracs mit dem Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen ("Front National", FN). Chirac betonte in dem Interview erneut, dass er Le Pen nur einmal "zufällig" getroffen habe. Der FN-Chef schwor hingegen am Dienstag "auf meine Ehre", dass er den Neogaullisten 1988 zwei Mal getroffen habe. Die Tageszeitung "Le Monde" hatte Mitte Jänner berichtet, Chirac habe sich 1988 nach der ersten Runde der Präsidentenwahlen mit Le Pen getroffen und um Unterstützung für die Stichwahl gebeten. Der Staatspräsident ließ dies dementieren, während Le Pen den Bericht bestätigte und Chirac einen "Lügner" nannte.

Le Pen kommt in Umfragen auf etwa 10%

Le Pen kann jüngsten Umfragen zu Folge beim ersten Durchgang der Präsidentenwahl mit etwa zehn Prozent der Wählerstimmen rechnen. Vor ihm liegen sich der Linksnationalist Jean-Pierre Chevenement ("Bürgerbewegung" MDC) mit 14 Prozent, sowie Chirac und Jospin (PS) mit etwas mehr als 20 Prozent. Bei der Stichwahl ist laut Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Chirac und Jospin zu erwarten. Dabei genießt der Premier gegenwärtig einen leichten Vorsprung.(APA/AP)

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