Herwig Kollaritsch über das Dauerbrenner-Thema Zeckenimpfung

18. Februar 2002, 13:34
posten

Mit neuen FSME-Impfstoffen sollen nun Kinder und Erwachsene optimal vor den gefährlichen Zeckenstichen geschützt sein. Im Interview mit mymed.cc: Prof. Herwig Kollaritsch, Experte für Impfprophylaxe in Wien.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Herr Professor Kollaritsch, heuer sollen neue Zeckenimpfstoffe das Risiko für Nebenwirkungen besonders bei Kleinkindern minimieren. Welches Restrisiko bleibt bestehen?

Kollaritsch: In sehr seltenen Fällen kann es bei Kindern nach einer FSME-Impfung zu Fieberschüben kommen, die aber harmlos verlaufen und schnell wieder abklingen. Wichtig ist, dass die Eltern darüber aufgeklärt sind, und dass nicht - wie es in der Vergangenheit leider passiert ist - solche Impfreaktionen einfach verleugnet werden. Das hat der ganzen Impfaktion nichts als einen Imageschaden gebracht. Das Nebenwirkungsrisiko der neuen Impfstoffe liegt tatsächlich deutlich unter einem Prozent, was im Vergleich zu den noch vor zwei Jahren gebräuchlichen Impfstoffen völlig harmlos ist, und was vor allem im Vergleich mit dem großen Nutzen der Impfung kaum ins Gewicht fällt.

mymed: Wie wichtig ist die Zeckenimpfung überhaupt?

Kollaritsch: Die Bedeutung der jährlichen österreichweiten Impfaktion lässt sich statistisch sehr gut nachvollziehen. Seit vor 20 Jahren der Impfschutz eingeführt worden ist, hat es in Österreich etwa 3.500 FSME-Fälle gegeben. Ohne die hohe Durchimpfungsrate wären es 10.000 Betroffene mehr gewesen. Das zeigt sich auch in unserem Nachbarland Tschechien, wo jedes Jahr einige hundert Menschen an FSME erkranken und einige davon tödlich. Die FSME ist die wichtigste Infektionserkrankung des zentralen Nervensystems und nach wie vor brandgefährlich. Im Vorjahr gab es auch bei uns drei Todesfälle. Ein Mann, der nach einem Zeckenstich 15 Jahre im Koma gelegen war, ein Opfer nach drei Jahren Koma und ein japanischer Tourist, der sich in Österreich infiziert hat und in seiner Heimat schließlich gestorben ist.

mymed: Aus Deutschland ist gelegentlich Kritik an der österreichischen Impfpraxis zu hören. Dort wird ihr Nutzen in Frage gestellt.

Kollaritsch: Angesichts der eben erwähnten Zahlen steht der Nutzen der Zeckenimpfung völlig außer Frage. Ich kann die Kritik aus Deutschland daher nicht verstehen. Dort ist die Situation auch ganz anders als in Österreich, da in Deutschland nicht wie bei uns das gesamte Bundesgebiet von der Zeckenplage betroffen ist. Da gibt es nur einige Flecken, zum Beispiel in Bayern, in Baden Würtemberg oder in Rheinland Pfalz. Eine bundesweite Impfaktion hätte daher wenig Sinn.

mymed: Die österreichweite Impfaktion wird von Kritikern auch gerne als Geschäftemacherei bezeichnet.

Kollaritsch: Natürlich ist es für die Hersteller der Impfstoffe ein gutes Geschäft, wenn sich möglichst viele Menschen impfen lassen, da ist gar nichts dabei. Es werden ja auch viel Geld und Forschungsarbeit in die Entwicklung und Verbesserung eines Impfstoffes investiert. Da sich die genannten Fieberreaktionen auf den injizierten abgetöteten FSME-Erreger niemals völlig eliminieren lassen, muss ein optimales Gleichgewicht zwischen möglichst hoher Immunogenität bei gleichzeitig möglichst geringer Reaktivität gefunden werden.

mymed: Die passive Immunisierung nach einem Zeckenstich ist stark ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Angeblich kann dadurch der Verlauf einer FSME-Erkrankung noch verschlimmert werden.

Kollaritsch: Es hat Hinweise, aber keine abgesicherten Erkenntnisse darüber gegeben, dass die passive Immunisierung nach einem Zeckenstich den Verlauf der Erkrankung bei Kindern verschlechtern kann. Die Konsequenz daraus ist, dass eine solche Immunisierung nun für Kinder unter 14 Jahren nicht mehr empfohlen wird. Bei Erwachsenen gibt es jedoch keine Hinweise auf unerwünschte Wirkungen, leider aber auch keine Beweise der Wirksamkeit einer solchen Maßnahme. Trotzdem würde ich im Fall des Falles einem betroffenen Erwachsenen zur passiven Immunisierung raten. Meiner Meinung nach ist es besser, irgendetwas zu tun, als einfach dazusitzen und zu beten, dass nichts passiert.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

Share if you care.