EU verleiht Osteuropa Investitionsfantasie

10. Februar 2002, 20:02
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Wachstum aus eigenem Antrieb

Zugegeben: Schon vor dem Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder, allen voran Polen, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn, hat sich Osteuropa stark an Westeuropa und den USA orientiert. Und litt in Folge an der internationalen Konjunktur-Misere mit.

Trotzdem: Die so genannte Binnenmarktnachfrage soll heuer für ein dynamisches Wachstum in der Region sorgen, meint Walter Pudschedl, Volkswirtschaftsexperte in der Bank Austria. Er rechnet damit, dass Mittel- und Osteuropa heuer etwa doppelt so stark wachsen wird wie die EU. An das hohe Wachstum der späten 90er-Jahre können die Länder aber erst ab 2004 wieder anschließen, so der Experte. Heuer und im nächsten Jahr werde die eigenständige Entwicklung der Binnenkonjunktur in Mittel- und Osteuropa der entscheidende Faktor sein.

Auch die Direktinvestitionen in den Raum sollten weiter konstant fließen. So rechnet die Bank Austria damit, dass von den Rekordinvestitionen 2000 - Russland mitgerechnet - von 29 Mrd. Euro der Zufluss zwar schon im Vorjahr auf etwa 16,8 Mrd. Euro eingebremst wurde, heuer aber immer noch mit einem Investitionsschub von 16 Mrd. Euro zu rechnen sei.

Zu den einzelnen Ländern:

  • Tschechien legte im Vorjahr voraussichtlich ein Wirtschaftswachstum von 3,3 Prozent hin. In den nächsten Monaten sollte das Wachstum wegen der gesunkenen Investitionsfreude an Schwung verlieren. Allein: Immerhin wird es bei den Investitionen ein Plus von fünf Prozent geben, macht für das konjunkturelle Wachstum insgesamt ein Plus von drei Prozent, meint der Experte.

  • Die Slowakei legte im Vorjahr trotz eingebremster Investitionen ein Plus von acht Prozent hin. Insgesamt soll die Wirtschaft heuer um 2,5 Prozent, im nächsten um 3,5 Prozent zulegen.

  • Ungarn verzeichnete im Vorjahr ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von drei Prozent. Hier rechnet Pudschedl mit der Stütze des Privatkonsums. Denn im Vorfeld der Parlamentswahlen in diesem Jahr sollen die Löhne angehoben werden. Das Wachstum soll bei 3,6 Prozent liegen, für nächstes Jahr rechnet der Experte mit einem Plus von vier Prozent.

  • Slowenien sollte die hohe Dynamik bei drei Prozent Wirtschaftswachstum ebenso halten können. Nach einem kleinen Minus heuer sollte die Konjunkturkurbel 2003 auf vier Prozent drehen.

  • Polen ist eine Ausnahme. Die Konjunktur schwächte sich schon im Vorjahr ein, bedingt vor allem durch einen Einbruch von zehn Prozent bei den Investitionen. So legte Polen 2000 nur um 1,1 Prozent zu, heuer sollte ein weiterer Rückgang bei den Investitionen das Wachstum drosseln. 2003 sollte es dann auf der Investitionskurve, unterstützt durch weitere Zinssenkungen, wieder nach oben gehen. Vor allem die Exporte sollten dann die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. (este, DER STANDARD, Printausgabe 11.2.2002)

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