Voest-Chef will Rückzug des Staates

10. Februar 2002, 20:31
5 Postings

Struzl: ÖIAG soll Anteile verkaufen und sich auf eine Sperrminorität zurückziehen - "Interessenten gibt es genug"

Wien/Linz - "Außer den Schweden und uns schreibt derzeit kein anderer europäischer Stahlerzeuger ordentliche schwarze Zahlen. Wir gehen aus dem momentan schwachen Stahlzyklus gestärkt hervor", sagte der neue Vorstandschef der Linzer Voestalpine, Franz Struzl, im STANDARD-Gespräch.

Ende März wird im Aufsichtsrat das Konzept "Linz 2010" abgesegnet, das in zwei Schritten Kapazitätserweiterungsinvestitionen von insgesamt einer Milliarde Euro vorsieht. Finanziert wird die Investition fast ausschließlich aus dem Cashflow der operativen Gesellschaft Stahl Linz GmbH beziehungsweise aus dem Verkauf von nicht betriebsnotwendigem Vermögen (Grundstücke, Gebäude). Neue Fremdmittel werden nur noch für Zukäufe aufgenommen. Derzeit liegt die Verschuldungsquote (Gearing Ratio) bei 45 Prozent. Struzl: "Wir könne auch mit einer Gearing Ratio von 70 bis 80 Prozent leben." Die Differenz würde laut Struzl eine weitere Verschuldung von bis zu 500 Mio. Euro zulassen, um Zukäufe zu tätigen.

Ehrgeizige Ziele

Auf der Kostenseite sollen bis 2005 jährlich 40 Mio. Euro eingespart und die Linzer Stahlkocher endgültig und nachhaltig zum profitabelsten Stahlkonzern Europas gemacht werden. Heuer wird das Betriebsergebnis bei einem Umsatz von 3,3 Mrd. Euro, trotz "eines extrem schlechten Umfelds von Überkapazitäten und Konjunktureinbruch", bei 150 bis 160 Mio. Euro liegen. Bis Herbst 2006 läuft Struzls Vorstandsvertrag. Der heutige Vizevorstandschef Wolfgang Eder soll dann das Ruder übernehmen. Bis dahin hat sich Struzl zum Ziel gesetzt, den Konzernumsatz auf mehr als fünf Mrd. Euro bei gleichbleibender Mitarbeiteranzahl zu steigern.

Auch durch die Milliarden- investitionen in Linz, wodurch die Kapazität um eine Million Tonnen Stahl in höchstfester Qualität für die Autoindustrie erhöht werden soll, wird kein zusätzlicher Arbeitsplatz geschaffen. Nach der Übernahme des niederländischen Autozulieferkonzerns Polynorm beschäftigt die Voestalpine nun rund 19.000 Mitarbeiter, davon 8000 am Standort Linz.

Hoher Staatsanteil

Bauchweh bereitet Struzl der relativ hohe Staatsanteil an der Voestalpine von 37,8 Prozent, der den Aktienkurs chronisch niedrig hält. Börseanalysten bewerten die Stahlhersteller Salzgitter, Voestalpine und Arbed trotz teils wesentlich besserer Kennzahlen schlechter als Konkurrenten mit niedrigen Staatsanteilen. Struzl, darauf angesprochen: "Wir haben ein freundliches, korrektes Arbeitsverhältnis zur ÖIAG. Neben einigen Ausreißern wie Streicher, Ditz und AUA ist da gute Arbeit geleistet worden. Dennoch sind wir der Meinung, dass sich der Staat auf die Sperrminorität von 25 Prozent zurückziehen soll. Es besteht großes in- und ausländisches Interesse an den ÖIAG-Anteilen, das ist keine Frage."

Zuletzt hat Finanzminister Karl-Heinz Grasser aber signalisiert, an einem Verkauf der Stahlaktien nicht interessiert zu sein. Die Republik hält über ihre Beteiligungsgesellschaft ÖIAG noch rund 38 Prozent der Voestalpine-Aktien. Ein Heruntergehen auf die Sperrminorität würde nach derzeitigem Aktienkurs einen Erlös von 123 Mio. Euro (1,69 Mrd. S) für die Republik bedeuten, allerdings auch den Entfall der jährlichen Dividende.

Bei der VA Tech, an der die Voestalpine noch 19 Prozent hält und deren stellvertretender Aufsichtsratschef Struzl ist, wird gerade mit dem austroamerikanischen Millionär Gerhard Andlinger über dessen Einstieg verhandelt. Der Plan: Für 100 Mio. Euro steigt Andlinger über eine Kapitalerhöhung, bei der ÖIAG und Voestalpine nicht mitziehen, zu knapp unter 20 Prozent bei der VA Tech ein. Die Voestalpine will ihre VA-Tech-Aktien auf den Markt werfen, derzeit fehlt allerdings ein Käufer. Struzl: "Der Kurs der VA Tech kann nur steigen. Wir sehen keine Synergien mit der VA Tech mehr." (Michael Bachner, DER STANDARD, Printausgabe 11.2.2002)

KOMMENTAR
Politiker sind teuer
Von Michael Moravec

LINK
Voestalpine

Share if you care.