Mormonen in Rot-Weiß-Rot

10. Februar 2002, 21:02
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4000 Österreicher leben nach den Regeln der "Heiligen der letzten Tage"

Wien - Das "Olympia-Land" Utah in den USA gilt ihnen als eine Art eigener Gottesstaat, in Österreich sind die Mormonen eine anerkannte Religionsgemeinschaft. 1901 wurde die erste mormonische Gemeinde in Oberösterreich gegründet.

Alfred Pietsch ist seit 1976 Mormone. Das totale Untertauchen bei der Taufe habe ihn sehr bewegt, sagt der heute 76-Jährige, der seinen guten Gesundheitszustand - er fährt noch Seniorenskirennen - auf das "Wort der Weisheit", die Mormonen auferlegte Abstinenz von Alkohol, Nikotin und Drogen, zurückführt.

Dabei hat sich der Wiener lange den Beitritt zu den "Heiligen der Letzten Tage" und damit den Verzicht auf sein geliebtes Bier nicht vorstellen können. Irgendwie gläubig sei er schon immer gewesen, aber ohne jegliche Kirchenbindung, zumal ihn die Kluft zwischen Kirche und Arbeiterschaft nach dem Jahr 1934 noch stark geprägt hatte.

Als Mormone hat er dann sogar leitende Funktionen in seiner Gemeinde übernommen, Hilfstransporte seiner Kirche in Krisengebiete organisiert und ist jetzt mit seiner Frau Elisabeth mit der Öffentlichkeitsarbeit beauftragt. Diese wird von den Mormonen sehr professionell betrieben, schließlich handelt es sich bei ihnen um eine der reichsten Glaubensgemeinschaften der Welt, da Mormonen den zehnten Teil ihres Einkommens ihrer Kirche abliefern und ihre Kirchenfunktionen in der Regel ehrenamtlich ausüben.

Anerkannt seit 1955

Bereits 1841 und 1865 hielten sich mormonische "Apostel" in Österreich auf, zur ersten Taufe eines Österreichers kam es 1870 in München, die erste Taufe auf österreichischem Boden erfolgte 1883 in Lambach. Die erste österreichische Gemeinde wurde 1901 in Haag am Hausruck gegründet, Wien folgte 1909. Seit 1955 gehören die Mormonen, dank der damaligen Besatzungsmacht USA, zu den 13 hierzulande gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften.

Die Zahl der derzeit rund 4000 Gläubigen sei leicht steigend, sagt Alfred Pietsch. Was Österreich noch fehle, sei ein Tempel, und da Eheschließungen nur dort "gesiegelt" werden können, müssen heimische Mormonen zum Heiraten in die Schweiz oder nach Deutschland fahren. (DER STANDARD, Printausgabe,11.2.2002)

von Heiner Boberski; er lebt und arbeitet als Publizist in Wien
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