Algerische Armee tötet Terroristenführer

11. Februar 2002, 06:31
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GIA-Chef Antar Zouabri erschossen - Verantwortlich für zahlreiche Massaker an Zivilisten

Algier/Madrid - Der Anführer einer der grausamsten islamischen Untergrundarmeen in Algerien ist tot. Antar Zouabri, Emir der Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) wurde am Freitagnachmittag von algerischen Militärkräften zusammen mit zwei seiner engsten Vertrauten getötet. Die Sicherheitskräfte hatten den 31-Jährigen in einem Haus in Boufarik, einer Kleinstadt 35 Kilometer südlich von Algier, aufgespürt. Bei der Operation wurden Waffen und Dokumente der radikalen Islamisten sichergestellt.

Zouabri, Sohn einer kinderreichen Familie aus einem Vorort von Boufarik, stand den GIA seit 1996 vor. Er löste Djamel Zitouni ab. Dieser war von Abtrünnigen aus den eigenen Reihen umgebracht worden. Abu Talha, wie sich Zouabri von den Seinen nennen ließ, führte den "heiligen Krieg" mit derselben Grausamkeit wie seine Vorgänger fort. Unter anderem wird er für die Massaker von Bentalha und Raïs verantwortlich gemacht, bei denen im Spätsommer 1997 in nur zwei Nächten mehr als 700 Menschen umkamen. Seither waren 4,5 Millionen Dinar (67.000 Euro) als Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Das angeblich zwei Stunden dauernde Feuergefecht in Boufarik war vom Kommandeur der ersten Militärregion, Fodil Chérif, beobachtet worden. Sicherheitskräfte wollen Zouabri bereits seit 20 Tagen überwacht haben.


Erster Racheakt

Befürchtungen in der algerischen Presse, wonach die GIA nun Rache für den Tod ihres Anführers nähme, könnten sich schnell bewahrheitet haben: In einem Dorf, 15 Kilometer südöstlich von Boufarik, töteten mutmaßliche Islamisten am Wochenende sechs Mitglieder einer Familie.

Zouabri war Anfang der Neunzigerjahre der Islamischen Heilsfront (FIS) beigetreten. Nach deren Verbot 1992 wechselte er in den Untergrund, wo er sich bald schon, wie sein Bruder Ali und seine Schwester Zohra, den GIA anschloss. Der Bruder wurde 1993 erschossen. Die Schwester sitzt eine langjährige Haftstrafe ab. Antar Zouabri hatte mehr Glück. Meldungen der Presse, nach denen er bei Feuergefechten getötet worden sei, stellten sich immer wieder als falsch heraus.

Zouabris GIA hielt zu den Hochzeiten des islamistischen Terrors das Dorf Ouled Allel in der Mitidja-Ebene vor Algier besetzt. Seine Soldaten sprengten die Brücken auf den Zufahrtsstraßen zum Dorf und schufen ein verzweigtes Tunnelsystem, von dem aus sie jede Nacht ausrückten. Als die Armee im August 1997 Ouled Allel mit Kampfflugzeugen und Panzern angriff und einnahm, gelang Zouabri abermals die Flucht. Abu Talha wurde so für die Radikalen zur mythischen Figur. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.2.2002)

STANDARD-Korrespondent Reiner Wandler
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