"Der Schmerz bleibt, aber ich will der Welt die Tragödie klar machen"

10. Februar 2002, 22:21
2 Postings

Massakerüberlebende werden Milosevic mit ihrem Leid konfrontieren

Celina/Kruse e Vogel - Die Kosovo-Anklageschrift gegen Slobodan Milosevic erwähnt im Punkt 66 eine Reihe von Massakern an albanischen Zivilisten. Zwei davon ereigneten sich im südkosovarischen Gebietsstreifen zwischen Prizren und Rahovec (serbisch Orahovac), unweit der Grenze zu Albanien. In Bellacerke (srb. Bela Crkva) trieben Armee- und Polizeiangehörige am 25. März 1999 die Dorfbevölkerung zusammen, trennten Frauen und Kinder von den Männern und männlichen Jugendlichen, jagten die Frauen und Kinder weg und "eröffneten das Feuer auf diese Männer und älteren Buben, dabei 65 Kosovo-Albaner tötend". Ganz ähnlich verfuhr man am selben Tag im Dorf Kruse e Vogel (serb. Mala Krusa), nur dass hier die Männer und Buben in ein leer stehendes Haus getrieben wurden und durch Gewehrsalven niedergemetzelt wurden, die ihre Mörder durch Fenster und Türen abfeuerten.

Die Haager Anklageschriften enthalten nur einen Bruchteil der in Kroatien, Bosnien und im Kosovo begangenen Verbrechen. Am 25. und 26. März 1999, unmittelbar nach Beginn der Nato-Luftangriffe gegen Jugoslawien, richteten die serbischen Sicherheitskräfte in jedem der Dörfer zwischen Prizren und Rahovec ein Blutbad an. Das Muster war stets gleich: Artilleriebeschuss, einrücken, Bevölkerung zusammentreiben, einen Teil der Männer und Buben erschießen, den Rest vertreiben. Die Überlebenden flüchteten dann nach Albanien. Hier begann die bisher kompakteste Vertreibung in Europa seit 1945: Am Ende waren 800.000 Albaner aus dem Kosovo verjagt.

Gemetzel im Hohlweg

Das Dörfchen Celina, dessen Drama in der Anklageschrift nicht erwähnt wird, hat 90 Tote zu beklagen, unter ihnen auffallend viele Frauen und Kinder. Hier wüteten serbische Sonderpolizei-Einheiten mit beispielloser Brutalität. Die Frauen und Kinder zweier Familien machten sich, angeführt von zwei alten Männern, zu Fuß auf die Flucht, kurz bevor die serbische Soldateska einrückte. In einem Hohlweg, 50 Meter über dem Dorf, liefen die insgesamt 24 Personen ihren Häschern praktisch in die Arme. Sie duckten sich in den Hohlweg und wurden auf der Stelle niedergemäht.

Ein paar zerschlissene Matratzen liegen dort immer noch herum. Nach dem Krieg errichtete das Dorf eine Gedenkstätte, wohin die Opfer umgebettet wurden, mit Grabplatten aus Marmor, mit Blumen, Namen und eingraviertem Bild. Eines der Kinder starb an seinem siebten Geburtstag. In einem kleinen Häuschen sind die Fotos ausgestellt, die von einem Fotografen der Guerilla-Armee U¸CK angefertigt wurden, als die Freischärler am nächsten Tag die Getöteten im Hohlweg fanden: Die von den Einschüssen entstellten Gesichter der Frauen und Kinder sagen mehr, als jede Anklage in Worten zu fassen vermag.

Die Überlebenden sind begierig darauf, in Haag auszusagen. An etliche von ihnen sind Anklagevertreter herangetreten, doch wer letztlich in den Zeugenstand gerufen wird, bleibt bis zuletzt geheim. Agim Zeqiri (50), der seine Ehefrau, vier Töchter und einen Sohn beim Hohlwegmassaker von Celina verlor, meint: "Der Schmerz bleibt, aber ich will der Welt klar machen, was das für eine Tragödie ist."

Auch der Landwirt Lufti Ramadani (58), der das Gemetzel in dem Haus in Kruse e Vogel wie durch ein Wunder, von Leichen zugedeckt, überlebte, könnte nach Haag reisen. Er verlor seine zwei Söhne, einen Bruder und einen Neffen. Er sah, welche der serbischen Nachbarn an der Bluttat mitwirkten. Ein Zusammenleben mit den inzwischen geflüchteten Serben kann er sich nicht vorstellen. "Sehen Sie", sagt er, "der Sohn meines älteren Sohnes ist heute fünf Jahre alt. Er kennt den Namen des Serben, der seinen Vater ermordet hat."

(DER STANDARD, Printausgabe,11.2.2002)
STANDARD-Mitarbeiter Gregor Mayer
Share if you care.