Wo Slobo noch immer ein Held ist

12. Februar 2002, 15:36
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Der Prozess gegen Slobodan Milosevic hat begonnen - Die serbische Bevölkerung ist gespalten, die Angehörigen der Opfer hoffen auf Gerechtigkeit

Flugblätter mit der Überschrift "Freiheit für Slobodan! Freiheit für Serbien!" bedecken das Zentrum Belgrads: Die Sozialistische Partei Serbiens (SPS) hat zu einem "großen Volksprotest" gegen das "so genannte" Haager Tribunal für Kriegsverbrechen aufgerufen. Bei mildem, sonnigem Frühlingswetter versammeln sich einige Tausend Anhänger von Slobodan Milosevic auf dem Platz der Republik. Es sind vorwiegend ältere, bescheiden gekleidete Menschen. "Slobos treuer Rentnerklub", bemerkt ironisch ein Student. Am Rand stehen einige ehemalige Minister des Milosevic-Regimes mit ihren Leibwächtern.

Aus den Lautsprechern dröhnen patriotische Volkslieder. "Niemand kann den Kosovo aus meiner Seele reißen", singen die bejahrten Demonstranten im Chor, einige tanzen im langsamen Rhythmus der Musik. Ihre Mienen sind ernst, die Stimmung ist feierlich. Sie sind gekommen, um ihrem geliebten "Slobo", ihrem Volkstribun, der sich für die Serben und das Serbentum geopfert haben soll, noch einmal die Treue zu schwören. Die SPS-Jugend sorgt für Ordnung bei der Demo, auf ihren knallroten T-Shirts steht: "Gott verzeiht, wir jedoch nicht".

Milosevic als Märtyrer

Für diese Menschen ist Milosevic ein Märtyrer, die neuen Machthaber, die ihn an den "Aggressor" ausgeliefert haben, "schäbige Verräter", "Nato-Söldner". Unter Tränen hört eine Frau der Aufzeichnung einer von Milosevics Reden vor dem Tribunal zu: "Ich fordere, freigelassen zu werden . . . Nicht die Serben, sondern die Nato hat Verbrechen begangen . . ." Als der junge SPS-Funktionär Ivica Dacic von der Bühne donnert: "Nicht Slobodan Milosevic, sondern das ganze serbische Volk sitzt in Haag auf der Anklagebank!", schreit die Masse frenetisch: "Slobo! Slobo!"

Auch viele Menschen aus Beocin wohnten der Kundgebung in Belgrad am Samstag bei. Die Provinzstadt bei Novi Sad in der Vojvodina liegt inmitten der idyllischen Landschaft der Fruska Gora. Die sensationelle politische Wende in Serbien im Jahr 2000 scheint dieses Städtchen ausgespart zu haben: Es gehört immer noch zu den reichsten Gemeinden im Land, und die Milosevic- Sozialisten halten die lokale Macht fest in ihren Händen. Allerdings zieren jetzt Kunstwerke statt Fotos des großen Volksführers die Wände des Rathauses.

"Auch hier war nach dem Sturz unseres Regimes der in ganz Serbien gegen die Sozialisten verbreitete Hass zu spüren", beklagt sich Bürgermeister Dimitrije Kovacevic. Diese Feindseligkeit sei ja nicht zu fassen gewesen. Stelle sich das nur einer vor: Man wollte ihnen gar den Zugang ins Parlament verbieten! Allerdings gewannen Milosevic-Sozialisten in Beocin nach der Wende klarer denn je die Kommunalwahlen.

"Vernichtende" Mira

Für das Fiasko auf der Landesebene macht der Bürgermeister die nach zehn Jahren an der Macht "überheblich gewordene, zentralisierte und bürokratisierte" Parteispitze verantwortlich. Die SPS-Führung habe den Kontakt zur Basis verloren. Um Milosevic hätten sich lauter "Karrieristen" gedrängt, die ihn letztendlich ins Verderben getrieben hätten. Vor allem sei jedoch der Einfluss seiner Gemahlin Mira Markovic "vernichtend" gewesen.

Die Menschen in Beocin können den in einen Volksaufstand mündenden Hass gegen das frühere Regime und Slobodan Milosevic überhaupt nicht verstehen. Man habe doch lediglich Serbien und die serbischen Interessen verteidigt, ist die in dieser Region allgemein verbreitete Meinung. Milosevic habe das serbische Volk in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo beschützt, deshalb musste er bestraft weden. Er sei ein "Opfer der neuen Weltordnung".

"Alle Kriegsverbrecher sollen bestraft werden, Slobodan Milosevic ist jedoch kein Verbrecher", sagt Stevan Guduric, SPS-Abgeordneter im Landesparlament. Im Gegensatz zu Kroatien, das von Serben gesäubert worden sei, sei Serbien während dieses "schlimmen" Jahrzehnts die ganze Zeit über multiethnisch geblieben. Nur eine geringe Anzahl der rund 30 Prozent Angehörigen nationaler Minderheiten sei unter Milosevic aus Serbien geflüchtet.

Natürlich sei die SPS nicht "sündenlos", und deshalb habe ihr das Volk auch am 5. Oktober 2000 die "rote Karte" erteilt. Doch kein normaler Mensch in Serbien glaube, dass Milosevic in Den Haag wegen Kriegsverbrechen der Prozess gemacht werde, meint Guduric. Dieser "politische Prozess" solle die Staatengemeinschaft "nach all ihren Fehlentscheidungen" auf dem Balkan und die Nato nach der "Zerstörung" Serbiens vor den Augen der Weltöffentlichkeit reinwaschen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 11.2.2002)
STANDARD-Korrespondent Andrej Ivanji aus Belgrad
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