Ö3 soll "frech" bleiben dürfen

11. Februar 2002, 12:25
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Neuer Radiodirektor Rammersdorfer will "Profi" als Ö3-Chef

Ein "wohlbestelltes Haus" übernimmt der neue Hörfunkdirektor des ORF, Kurt Rammerstorfer. Dauerbrenner-Themen wie den immer wieder kritisierten "kommerziellen" Charakter von Ö3 oder der von Teilen der Musikschaffenden monierte zu geringe Anteil an österreichischer Musik im Radio möchte er differenziert diskutieren, erklärt er im Interview mit der APA.

"Ö3 hat eine andere Aufgabe als Ö1, und verdient Geld, das auf der anderen Seite wieder in ein sehr öffentlich-rechtliches Programm fließt", so Rammerstorfer. "Das muss man als Gesamtpaket sehen." Im Informationsbereich sei Ö3 außerdem "besonders öffentlich-rechtlich", betont er.

"Frech ist nichts Schlechtes"

Manchen Politikern ist die Ö3-Information dem Vernehmen nach mitunter gar zu kritisch und "frech". Dazu Rammerstorfer: "Das mag schon sein, ich weiß es nicht. Frech ist generell nichts Schlechtes." Sollte es Interventionen oder Beschwerden geben, werde "man sich das anschauen", meint er. "Ich würde nicht sagen, so etwas ist generell unzulässig. Es kann schon sein, dass jemand einmal Recht hat. Dann war es zumindest mein Stil in der Vergangenheit, das auch zuzugestehen."

Wer künftig an der Spitze des ORF-Hitradios stehen wird, sei noch nicht entschieden. Ö3-Chef Bogdan Roscic hat den Sender mit Jahresende verlassen und ist zu Universal gewechselt. Sein Nachfolger - oder seine Nachfolgerin - "soll ein Profi sein", erklärt Rammerstorfer.

Österreichische Musik auf Ö2

Die wiederholt und oft heftig geäußerte Kritik, im ORF-Radio sei zu wenig österreichische Musik zu hören, kommentiert Rammerstorfer gelassen. "Letztlich liegt es auch immer am Angebot, das darf man in dieser Diskussion nicht vergessen." Bei Radio Oberösterreich - Rammerstorfer war bis zu seiner Bestellung zum Radiodirektor ORF-Landesintendant in Linz - habe er vor einigen Jahren am Nationalfeiertag den "Tag der österreichischen Musik" eingeführt. Dies sei als "Signal und kleine Botschaft" gedacht gewesen, mangels heimischer Musikfülle habe man diesen Tag aber im ersten Jahr "mit Hängen und Würgen" bestritten. "Wir sind wirklich froh, wenn einmal eine neue Platte herauskommt", betont er.

Der ORF sei jedenfalls "nicht der natürliche Feind, sondern der natürliche Partner der heimischen Musikschaffenden", sagt Rammerstorfer. Man müsse aber auch die unterschiedlichen Radioformate berücksichtigen. "Die Austropopper sind wahrscheinlich in den Regionalradios bestens aufgehoben. Diese Programme haben die gleichen Hörerzahlen wie Ö3. Und dort wird Austropop rauf und runter gespielt."

"Sicher keine Revolution"

Die Konkurrenz durch die Privatradios nehme er trotz stabiler bzw. steigender Reichweiten und Marktanteile für die ORF-Radios "sehr ernst", so der neue ORF-Radiodirektor: "Die Konkurrenten haben immer mehr Erfahrung, sie lernen dazu und werden besser, sie agieren konzentrierter und abgestimmter."

Um die "Marktmöglichkeiten des ORF gut zu wahren", käme den ORF-Regionalradios eine "ganz wichtige Funktion" zu. Für Ö3 gelte im bundesweiten Bereich Gleiches, Ö1 bediene eine gänzlich andere Zielgruppe, sei aber ebenso wie der Jugendsender FM4 ausgezeichnet unterwegs, so Rammerstorfers Bestandsaufnahme.

"Es wird aber trotzdem nicht leicht in Zukunft, denn die Konkurrenz wird nicht schlafen. Und das Geld wird auch im ORF nicht mehr." Man werde "natürlich sparsam agieren müssen". Das Potenzial des Hauses seien dabei die Mitarbeiter: "Ich glaube, das ist auch das Pfund, mit dem der ORF immer wieder wuchern kann: Wir haben gute Leute", nimmt Rammerstorfer Anleihen in der Bankenwelt, wo er vor seiner journalistischen Karriere tätig war.

"Nicht den Laden zusperren"

Bei seinem Amtsantritt legt der neue Hörfunkdirektor Wert auf einen "geordneten Übergang". Er wolle sich zuerst einen Überblick verschaffen, "ein paar Wochen wird das sicher dauern". Dies gelte auch für Radio Österreich International, das seit Jahresbeginn in die Hörfunkdirektion eingegliedert ist und aus dessen Finanzierung die Republik sich zur Gänze zurückgezogen hat.

"Natürlich sind das zusätzliche Kosten, die auf den ORF zukommen, und die muss man einmal unterbringen", meint dazu Rammerstorfer. "Aber Sie werden jetzt sicher nicht von mir hören, dass ich den Laden zusperre." Umbrüche bei den ORF-Radios seien vorerst nicht zu erwarten, betont er: "Radio ist ein ständiger Prozess und es wird sicher Veränderungen geben. Aber wenn jemand eine Revolution dort erwartet - die sehe ich nicht." (APA)

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