Elisabeth Mann Borgese gestorben

9. Februar 2002, 17:15
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Die jüngste Tochter von Thomas Mann starb an den Folgen einer Lungenentzündung

"In Deutschland weiß eigentlich niemand, dass es mich gibt", hat Elisabeth Mann Borgese einmal bescheiden gesagt. Das änderte sich spätestens im Dezember, wenige Wochen vor ihrem Tod, mit dem Fernseh-Dreiteiler "Die Manns". Ein Millionenpublikum erlebte die jüngste Tochter von Thomas und Katia Mann: Unprätentiös, klug und mit einem unschlagbaren Sinn für Humor erzählte die rüstig wirkende 83-Jährige vom Leben der bedeutendsten deutschen Literatenfamilie. Am Freitag starb Elisabeth Mann Borgese in der Nähe von St. Moritz (Schweiz) an Lungenentzündung.

Elisabeth war das letzte noch lebende Kind des Literatur- Nobelpreisträgers. Als sie 1918 im vergangenen Jahr des Ersten Weltkrieges in München zur Welt kam, hatte sich der 43-jährige Vater schon einen Namen geschaffen, die "Buddenbrooks" waren bereits 1901 erschienen. Die Zweitjüngste war für Thomas Mann die kleine "Medi", "Kindchen" und sein Liebling, wie der Nobelpreisträger selbst zugab.

Anders als ihre fünf Geschwister Michael, Golo, Monika, Erika und Klaus fand Elisabeth für ihre Kindheit fast nur Worte der Wärme: Sie hat unter der vielbeschriebenen Kälte und Egozentrik des Patriarchen nicht gelitten. "Das familiäre Erbe prägte sie, ohne sie zu lähmen", schreibt ihre Biografin Kerstin Holzer.

Kindheit im Exil

Ihre Kindheit und Jugend verbringt Elisabeth größtenteils im Exil, zunächst in der Schweiz, später in den USA. Die Zeit im amerikanischen Exil jedoch empfand sie als "sehr hässlich". 1939 tröstet sie sich als 20-Jährige mit der Hochzeit mit dem wesentlich älteren Guiseppe Borgese, einem Wissenschafter sizilianischer Herkunft. Als dieser im Alter von 70 Jahren stirbt, lässt er sie als 34-jährige Witwe zurück - ein schwerer Schicksalsschlag, dem in der großen Familie viele weitere folgen sollten.

Ihr Bruder Michael, ein melancholischer Musiker, brachte sich später um, ebenso der ältere Klaus, der wie sein Vater Schriftsteller geworden war. Schwester Monika verkraftete den Tod ihres Mannes nicht, und Golo, der zum Historiker wurde, klagte ein Leben lang bitter über den unnahbaren Vater und die "miserable Kindheit". Auch Schwester Erika, ebenfalls Autorin, hatte es nicht leicht, aus dem Schatten des Vaters herauszutreten.

Mitbegründerin des Club of Rome und Meeresexpertin

Anders Elisabeth: Ihre Biografie erzählt von einem erfüllten Leben. Für die Mitbegründerin des Club of Rome waren die Meere "ein "großes Laboratorium", in dem wir eine neue Weltordnung schaffen können". 1972 gründete Mann Borgese das Internationale Ozean-Institut auf Malta, das inzwischen weltweit an 20 Orten vertreten ist, darunter auch in Halifax. Anschließend arbeitete sie maßgeblich an der UN-Seerechtskonvention von 1982 mit. 1983 nahm die Mutter von zwei Töchtern die kanadische Staatsbürgerschaft an.

Im Ozean-Institut war die renommierte Meeresexpertin und Buchautorin, die nie studiert hatte, bis zuletzt aktiv. "Rein aus Spaß" unterrichtete sie auch weiter Seerecht an der Dalhousie University in Halifax. Zwischendurch rief sie die "Unabhängige Weltkommission für Meere", eine Organisation mit UN-Beobachterstatus, ins Leben, veranstaltete Kurse, berief Konferenzen ein und reiste durch die Welt, um Gelder für ihr Institut einzutreiben. Notfalls stopfte sie die Löcher auch mit den Tantiemen vom Werk des Vaters.

Mann Borgese lebte jahrelang in Kanada in einem Holzhaus mit Blick auf den Atlantik, wo sie gern Gäste um sich hatte. Als Heinrich Breloers und Horst Königsteins Mehrteiler "Die Manns" lief, gab die alte Dame mit den schelmischen Augen im Fernsehen auch ihre mitunter exzentrischen Seiten preis. So erteilte sie ihren Hunden, englischen Settern, Klavierunterricht auf einem Spezialinstrument.

Bis zuletzt war die Wissenschaftlerin so vital, dass ihr Tod unerwartet kam. Zwei Tage zuvor soll sie noch in einem Telefonat vom Ski fahren geschwärmt haben. In "Die Manns" wird ihr die Frage gestellt, ob sie das einzige der Mann-Kinder sei, das mit der Geschichte der Familie, mit ihrer eigenen Geschichte versöhnt ist. Nachdenklich blickt sie da in die Kamera und sagt: "Ja. Das ist wohl wahr. Das stimmt!" Wahrscheinlich wird die "letzte Mann" nun in Zürich beigesetzt, in der Nähe des großen Vaters, des "Zauberers". (apa)

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