Beste Freunde vom besten Freund

10. Februar 2002, 09:00
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Diamanten sind etwas für die Ewigkeit - und in den USA ein beinharter Gradmesser für den Wert eines Heiratsantrages

Sich in den USA heiraten zu lassen, ist nicht einfach. Nicht weil es nicht viele wunderbare Amerikaner gäbe, nicht weil man sich in sie nicht verlieben könnte, auch nicht, weil Behörden hier große Umstände machen. Nein, was es kompliziert macht, sind die Diamanten. "Diamonds are a girl's best friend", sang Marilyn Monroe. Was alles sie damit meinte, weiß ich heute, nachdem ich dem Geschenkebusiness Amerikas langsam auf die Schliche gekommen bin.

Das Diamantengeschäft hier ist keine abenteuerliche Schatzsuche, sondern - ganz im Gegenteil - ein für Europäer schwer nachvollziehbares, nach genauen Gesetzen funktionierendes Ritual. Wirklich wertvolle Steine kommen laut einem dieser Gesetze nur von Tiffany's. Gesucht wird nicht Seltenheit oder Individualität. Die US-Ehefrau in spe wünscht sich vielmehr den gleichen Stein, den auch die Freundin, die Schwägerin und die größte Feindin zur Verlobung bekommen haben - oder einen, der um eine nachvollziehbare, in Karat-Äquivalenten zu messende Anzahl Dollars wertvoller ist . . .

Überraschend viele unverheiratete, arbeitstätige, progressiv wirkende US-Frauen um die dreißig, denen ich zum Beispiel im akademischen Milieu begegne, warten tatsächlich nicht nur darauf, "tenure" (Pragmatisierung) zu bekommen, sondern dass ihnen endlich ein Heiratsantrag gemacht wird. Und zwar inklusive Übergabe eines Diamantringes: "He proposed to me" ist erst dann Wirklichkeit.

Auch danach wird es dann viele Gelegenheiten für wunderbaren Schmuck geben, nie spontan, immer zu einem genau festgelegten Anlass. Das muss so sein, in Amerika feiert man Feste nicht, wie sie fallen, sondern so wie sie geplant sind. Und man vergisst sie nicht, dafür sorgt der Handel per Werbung, Telefon, E-Mail und anderen Marketingkanälen. Am Muttertag gibt's mindestens Blumen als Geschenk, am Hochzeitstag ist je nach Anzahl der Jubeljahre Silber- oder Goldschmuck angesagt, zum Geburtstag freut man sich über eine Reise. Und zum Valentine's Day gibt es, je nach Wertschätzung, ebenfalls Blumen - wenn es nach den Vorstellungen von de Beers und Kollegen geht, soll sich aber auch da (d. h. zum Beispiel am kommenden Donnerstag) die Überreichung eines Diamantschmucks einbürgern. (Auch Thanksgiving, das wichtigste aller amerikanischen Feste und eines der wenigen, zu denen man sich vor allem Zeit schenkt, folgt dem strengen Ritual des Truthahnessens - Gravy! Stuffing! Cranberry sauce!)

Zu jedem dieser amerikanisierten oder amerikanischen Feiertags- und Geschenkanlässe gibt es auch die passende Karte der Firma Hallmark. Sie findet die richtigen Worte für alle Situationen, und oft recht viele auf einmal. Mein Favorit steht unter "Troubled Relationship" im Gemischtwarenladen und hat folgenden wunderbaren Text: "We're having some really strange times these days, and I know we've both been focusing on what's wrong with our love. It's easy to get wrapped up in the bad things while you're going through them, but I think it's important for us to take time out to remember what brought us close in the first place . . . the many things we have in common, the tender, intimate moments, the laughter we've shared, and the countless times we've really been there for each other."

Man braucht - das dürfte das irgendwie Angelsächsische daran sein - offizielle Anlässe, um zu schenken, braucht vorformulierte Texte, um Gefühle auszudrücken. Die Amerikaner, zumindest die der weißen Mittelschicht, küssen sich auch nicht gerne spontan und überraschen sich selten. Alles scheint geplant, und das ist seltsam, vor allem angesichts des irrationalen Funkelns eines Steins aus gehärtetem Kohlenwasserstoff.

Denn der Verlobungsdiamant muss dem Brautwerber mindestens zwei Monatsgehälter wert sein, was der gut vorbereitete Werber in seinem Verlobungskurs (wie sie häufig angeboten werden) über die vier "Cs" auch gelernt hat: "carat", "clarity", "cut", und eben auch "cost" des Diamanten sind ausschlaggebend. Wovon dann aber die Miete von 3000 Dollar für eine nette, kleine Wohnung an der New Yorker Upper Westside zahlen? Nun, es muss ja nicht spontan sein, gut Ding braucht eben Weile. So kann es vorkommen, dass der amerikanische Heiratswerber schon in seinen Vierzigern ist, bis er den entsprechenden Ring finanzieren kann.

Ein Freiraum für Spontaneität bleibt amerikanischen Männern vielleicht: das Setting für die Diamantenübergabe. Hier gibt es dann die tollsten Varianten, vom Candlelight-Dinner und der Überraschungsreise nach Paris bis hin zum gemimten Skiunfall, bei dem sich unser Freund Andrew im Schnee wälzte, seine Freundin Nancy zu Hilfe eilte und Andrew sie aus dem Schnee heraus mit einem Schächtelchen von Tiffany's in der Hand fragte: "Will you marry me?"

Den besten Merksatz in Hinblick auf das Diamantenbusiness hat jedoch die "Sexpertin" Carrie Bradshaw in der TV-Serie "Sex and the City": "Wrong ring, wrong guy." Zu dieser Einsicht kommt Carrie, nachdem ihre Freundin Samantha herausgefunden hat, dass Carries Heiratswerber Aidan ihr einen unvorstellbar hässlichen Verlobungsring schenken möchte. (Alles löst sich erst in Wohlgefallen auf, als Aidan den Ring dann doch gegen den "richtigen" austauscht und ihn Carrie beim Gassigehen mit dem Hund übergibt.)

Das Seltsame an den Verlobungsdiamanten ist, dass mit ihnen allen Ernstes und ohne großes Aufsehen besiegelt wird, wie viel eine Frau "wert" ist. Mit dem Ring drückt ein US-Mann symbolisch seinen Besitzanspruch gegenüber der US-Frau aus. Die Frau auf der anderen Seite schenkt nichts außer sich selbst. Hat sie den Ring am Finger, dokumentiert sie, dass sie bald vergeben ist.

So bald aber wieder auch nicht, wenn man bedenkt, dass eine übliche amerikanische Hochzeitsvorbereitung nicht nur einen (gerade durch den Hollywood-Kakao gezogenen) Wedding Planner benötigt, sondern auch ohne diesen Planer mindestens ein Jahr Vorbereitungszeit hat. Das Diamantenbusiness ist unmittelbar an das Hochzeitsbusiness gebunden, an dem man in Amerika nicht vorbeikann. Noch nie etwa hat ein Magazin in der amerikanischen Mediengeschichte einen so großen Umfang erzielt wie die einschlägige Illustrierte Bride vor ca. zwei Jahren: über 1000 Seiten (der redaktionelle Teil begann nach der 600. Seite ...). Und so ein Magazin kaufen die meisten nicht nur einmal, zur passenden Gelegenheit, nein, sie abonnieren es für viele Jahre. Als Mensch weiblichen Geschlechts wird man in frühester Kindheit mit einer Barbiepuppe im Hochzeitskleid schon an das große weiße Wunderereignis erinnert.

Nun warten wir nur noch auf die Hochzeit unseres bis dato unverheirateten amerikanischen Freundes David. Eine solche wird hoffentlich leicht zu organisieren sein, denke ich, denn den Diamantring der Großmutter hat er bereits seit geraumer Zeit in der Tasche, einen gut bezahlten Job hat er auch, Mitte dreißig ist er auch schon, da wird sich doch die eine oder andere Abnehmerin für einen funkelnden Stein bald finden lassen, oder?

"Diamonds are forever" ist ein schöner James-Bond-Titel und ein ebenso runder Werbeslogan von de Beers Consolidated - wobei man das ewig Wertbeständige des Edelsteins vielleicht doch nicht so betont haben und lieber das Flüchtige eines Augenblicks (der durch neue Käufe vervielfacht werden kann) ins Schaufenster stellen wollte: So zumindest lässt sich die Variation "A diamond is for now" erklären. Forever wird jedenfalls das Business der ewigen Verlobungsdiamanten sein, das in den USA mit dem Befreiungsdiskurs der Frauen koexistiert.

Oder? Vielleicht wird in der Cyberzukunft die Formulierung "She proposed to me!" möglich sein, womit ein sowohl zweigeschlechtliches wie auch eingeschlechtliches Szenario gemeint sein könnte. Das wäre dann wahrlich nicht nur die Befreiung der Frauen vom Besitzanspruch des Mannes, sondern auch die der Männer vom zweimonatsgehaltschweren Diamantenstress. Nur Hallmark würde diese Neuerung teuer zu stehen kommen, denn sie müsste dann ja sämtliche Personalpronomina und Anreden auf den Thank-You-Cards ändern. Vielleicht aber auch nicht, denn das Dankeschön für den Verlobungsdiamanten wird ja meist in Naturalien ausgetauscht . . . (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. 2. 2002)

Von Bernadette Wegenstein

Die Autorin ist Visiting Professor am Department of Media Study der State University of New York in Buffalo.

www.adiamondis forever.com

www.diamond.com

(Beide bieten "Design your own diamond ring".)
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