Terrorwahn im Wienerwald

8. Februar 2002, 23:11
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Ernst Moldens jüngster Roman "Doktor Paranoiski"

Mit seinem neuen Roman Doktor Paranoiski bereichert der Wiener Schriftsteller, Songwriter und Musiker Ernst Molden (Jahrgang 1967) derzeit grassierende Endzeitszenarien mit einer bisher nicht bedachten, aber zumindest räumlich nahe gehenden Bedrohungsvariante: Die Gefahren lauern in Moldens fantasievollem Setting nicht im Dickicht der Städte, nicht im Flugverkehr über unseren Köpfen, die Gefahren lauern im Wald. Genauer: im Wienerwald. Hier tauchen in Moldens skurriler Romanwelt jene unter, die sich durch den Rost fallen lassen haben, also jene, denen es an der Oberfläche zu heiß oder auch zu kalt geworden ist: "Unter dem Tisch", meint einmal einer der Kommandanten von Moldens Untergrundguerrilla, "halten sich alle Maden auf, für die auf dem Teller kein Platz war."

Auch Moldens neuer Roman (nach Krokodilsdame, Biedermeier und Austreiben) spielt also wieder im Abseits. In jenen literarischen Gegenden, in denen alle Akkorde etwas tiefer und mit einem wehmütig dunklen Gesichtsausdruck gespielt werden. Ob man dabei immer den richtigen Ton trifft, ist ziemlich egal, Hauptsache, der Sound stimmt. In Doktor Paranoiski stimmt er zumindest ansatzweise.

Wenig anzufangen

Mit der Hauptfigur, dem Wissenschaftsjournalisten Doktor Salzer, der im Untergrund den Namen Doktor Paranoiski verliehen bekommt, wird man allerdings über weite Strecken nicht viel anzufangen wissen. Er, der am Anfang seinen Feuertod fingiert und daraufhin in die Wälder zieht, um am Ende, am Tag X, gegen die Städte zu marschieren, ist ein blasser, unklar gezeichneter Outlaw. Spannender die Situation, in die ihn Molden versetzt: Eine Kampftruppe aus so genannten "Unsterblichen" greift den dahinvegetierender Penner auf und drillt ihn. Steckt ihn in eine Montur. Setzt ihn in strategischen Aktionen ein. Bis er am Ende nach vielen Bewährungsproben selbst Held und Kommandant wird.

Vage gezeichnet

Die Motivation für das Untertauchen Salzers ist dabei recht vage gezeichnet - genauso wie der Hintergrund von Moldens Roman: "Ich halte das ganze Spiel mit dem Geld, mit diesen Millionen von unsichtbaren Leinen, an denen wir hängen, ich halte das für nicht mehr gültig, aber ich weiß nicht, ob das Revolution ist oder nur Müdigkeit ... Ein Rest von Freiheitswunsch." Molden sammelt gewissermaßen die Reste nach dem Untergang konkreter Utopien ein und bündelt sie in einem ziemlich absurden Plot. Ironische Fingerzeige auf reale Gruppierungen finden sich viele. Wer will, kann als Hintergrundrauschen Anspielungen auf Antiglobalisierungs- und Grünbewegungen vernehmen. Wer will, kann den schmissig geschriebenen Roman aber auch abseits konkreter Bezüge lesen. Dem Aufbegehren ist in Doktor Paranoiski nämlich der Boden entzogen - geblieben ist allenthalben der romantische Wunsch nach einer Welt außerhalb der hinlänglich bekannten. Und sei diese im Wienerwald.

(DER STANDARD, Album, 9.02.2002 - Von Stephan Hilpold )

Ernst Molden, Doktor Paranoiski. EURO 17,40/öS 239,43/ 224 Seiten. Deuticke, Wien 2001.



Ernst Molden liest am 12. Februar um 19 Uhr in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) aus "Doktor Paranoiski" und Stephen Kings Romanen, die er kommentiert.

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