Mit Krebsscheren gegen Skinhead-Mythen

15. Februar 2002, 20:35
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Günter Grass umkreist in seiner neuen Novelle den Untergang

Das hätte dem Alten niemand mehr zugetraut: dass er nach vierzig Jahren noch einmal, in einem kleinen, leichten Text, zurückschwenkt zu seiner "Danziger Trilogie" (Die Blechtrommel 1959, Katz und Maus 1961, Hundejahre 1963). Die Novelle Im Krebsgang wird in den nächsten Monaten sicher die Bestellerlisten anführen. Der Nobelpreisträger wird, wie schon 1986 mit den Verkaufserlösen seines fetten Meerestieres Der Butt, nicht mehr wissen, was er mit dem Geld machen soll ("Einen Rolls Royce hätte ich mir kaufen können, aber da ich keinen Führerschein habe, hätte ich auch noch einen Chauffeur anstellen müssen, und das wäre doch zuviel. So stiftete ich den Alfred-Döblin-Preis").

Reißerisch ist der "Plot" dieser Novelle,

der Untergang des mit 9000 deutschen Flüchtlingen vollgestopften, von einem russischen U-Boot torpedierten, Riesendampfers "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945. Tatsächlich war es die größte Schiffskatastrophe, freilich weniger fotogen als die "Titanic" 1912. Für Günter Grass ist der Gustloff-Untergang zur Allegorie für Aufstieg und Fall des Dritten Reiches. Dabei bricht er, indem er die Geschichte dieses Schiffes und der Massenvertreibungen schreibt, ein Tabu der Linken, denn das Thema "Deutsche als Opfer" war jahrzehntelang einschlägig von rechten Gruppierungen besetzt. Genau dagegen schickt Grass seine Krebse aus, denn, so sagt der "Alte" dem von ihm beauftragten Journalisten im Buch: "Eigentlich wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben: den winterlichen Trecks gen Westen, dem Tod in Schneewehen. Niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen."

Schreibt Günter Grass hier also eine Kampfschrift,

verfällt er in den Ton des politischen Oberlehrers? Nein. Diesmal bewahrt ihn davor die leichte literarische Novellenform, die er auf diesen 216 Seiten für das in jeder Weise schwer befrachtete Thema gefunden hat. Seit dem Decamerone, wo Boccacio die vor der Pest aufs Land Geflüchteten Geschichten erzählen lässt, ist die traditionelle Novelle eine Form des gesellschaftlichen Sprechens über ungewöhnliche Ereignisse: "Eine Geschichte, so erzählt, wie man sie in der Gesellschaft erzählen würde", wie Friedrich Schlegel die Novelle definierte.

Nun war die Geschichte der zwei Millionen Flüchtlinge in Ostpreußen aber eine, die eben nie gesellschaftsfähig war (nur Marion Gräfin Dönhoff konnte in Essays differenzierter darüber schreiben): Erst in den letzten Jahren tauchten Vertriebene allgemein in besserer Literatur auf, in Walter Kempowskis kollektivem Tagebuch Echolot, bei W. G. Sebald und bei Alexander Kluge. Wie steigt nun Günter Grass in den Ring?

Er verwendet eine literarisch nicht ganz neue Methode, nämlich "Faction", indem er in einem Strang die Fakten des Riesenschiffes und ihres Unterganges erzählt und in weiteren Strängen Personen erfindet: Da ist vor allem Tulla Pok- riefke, die in Katz und Maus als dünne Göre den Knaben beim Onanieren zuguckte; jetzt ist sie für den mit ihr gealterten Autor die Figur, an der er das anonyme Schicksal der Untergegangenen an einer (fiktiven) Überlebenden zeigt:

Tulla Pokriefke war nämlich an Bord, und mehr noch, sie gebar, während das Schiff unterging, auch noch einen Sohn. Aus dem wurde allerdings nichts, bloß ein Journalist und Kettenraucher. Und diesen beauftragt "der Alte" mit dem Aufschreiben der Ereignisse des 30. 1. 1945. - Wer dies nun für "an den Krebsscheren" herbeigezogen hält, wird staunen: Tatsächlich brachte eine Frau bei diesem Schiffsuntergang ein Kind zur Welt. Günter Grass kennt solche Details aus dem Standardwerk eines Überlebenden, aus Heinz Schöns Büchern über die Wilhelm Gustloff. Dessen Berichte enthalten so viele, phantastische Details, dass man sich auch bei Grass fragt, ob der (zeitweise allzu dominante) Faktenstrang nicht schon massiv genug ist. Also: Was ist der "Mehrwert" der Fiktion?

Die Fiktion zieht zu den Fakten noch andere Perspektiven ein:

Der vom "Alten" beauftragte Sohn Tulla Pokriefkes hat seinerseits einen Sohn, der rechtsradikales Gedankengut aus dem Internet bezieht und es selbst darin verbreitet, fixiert auf diesen Schiffs- und Reichsuntergang, als stünde er unter dem Diktat seiner Großmutter Tulla: Für Grass, so ist offensichtlich, ist dieser Schiffsuntergang ein gesamtdeutscher Mythos, und zwar einer, der noch nicht bearbeitet wurde und eben deshalb im Unbewussten von Rechtsradikalen wuchert. Grass will diesen Mythos gerade nicht fortschreiben, seine "linke" Haltung ist: Durch die Enttabuisierung den rechten Mythen "Luft rauslassen". Zu diesem Zweck entfaltet Grass nicht nur den Prospekt mehrerer Biografien (auch diejenige des russischen U-Boot Kommandeurs, der kurz davor in Finnland realiter wegen Trunkenheit seinen Dienst versäumte und die Scharte mit einer großen Aktion auswetzen wollte), sondern erfindet auch Chatts zwischen Rechten und Philosemiten. Und wie ist all dies literarisch gelöst?

Gut. Sicher: Grass ist kein Experimentator, seine Novelle ist viel "traditioneller" als die Vertreibungsgeschichten, die Alexander Kluge in Chronik der Gefühle erzählt. Aber phasenweise weht der kräftige Geist der Erzählung, die bei ihm aus mündlicher Überlieferung kommt: Entzückend, wie sonst nur in seinem Frühwerk, deshalb primär jene Stellen, an denen Grass seine Tulla Pokriefke im Danziger Dialekt sprechen lässt. Aussprüche der Tilla Pokriefke, wie dieser über die ertrunkenen Kinder, bleiben haften: "Wie aisig die See jewesen is und wie die Kinderchen alle koppunter. Das musste aufschraiben. Biste ons schuldig als glicklich Ieberlebender."

(DER STANDARD, Album, 9.02.2002 - Von Richard Reichensperger )

Günter Grass, Im Krebsgang. EURO 18,50/öS 254,57/ 224 Seiten. Steidlverlag 2002.
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