Ein deutscher Abendtisch

8. Februar 2002, 19:51
3 Postings

Zu delikaten Speisen wird am Wiener Schauspielhaus eine traurige Wahrheit serviert: Die "bessere Hälfte" der NS-Generation war auch nicht besser.

Michael Cerha

Wien - "Das Stück spielt jetzt. Es sind Gespenster", hat die Münchner Theaterregisseurin Eva Diamantstein (Idee, Text und Regie) über ihr Bühnenexperiment Nachtmahl gesagt. Im Schauspielhaus kann man seit Donnerstag ein festliches Menü im Kreis dieser Gespenster buchen.

Sie nehmen jeden auf als einen von ihnen, so überzeugt sind sie, dass es richtig ist, wie sie "damals" gehandelt haben, und wie sie heute denken. Christel und Lydia, Hermine und Irmtraut, sie haben Sinn für Sport und Kultur.

Das Souper ist dem Gedenken an den Ruderverein gewidmet, und was gibt es Netteres? Oh Du mein holder Abendstern! Man schwärmt mit Droste-Hülshoffs Frau am Turm, reicht alte Fotos in der Runde, traulich klappert das Besteck auf den Tellern, ein deutscher Abendtisch eben.

Sie sind Damen, Irmtraut und die betuchte Gastgeberin Lydia, korrekt bis zum Scheitel, die über ihre Männer nichts kommen lassen, "für immer und Erich!", auch wenn diese Lagerkommandant waren oder bei der SS. Schließlich, die Sache mit Hermine und den behinderten Kindern ist auch nicht ohne. "Wir mussten die Drecksarbeit machen, wer will schon ein behindertes Kind in die Welt setzen und sich nachher darum kümmern müssen?", gibt Hermine zu, aber "für die Kinder war es in jedem Fall besser so. Sie schliefen einfach ein." Das überzeugt, und gegen die "hässlichen Schwächlichen" haben sie sowieso alle etwas.

Christel verbrämt es gern mit Witzen. Zum Beispiel mit dem vom Einarmigen auf der Suche nach einem Second-handshop. Zwischendurch ein kleiner Brahms-Walzer für Klavier. Zum Weinen schön. Doch geweint wird nicht. Ein Magier lässt das Taschentuch verschwinden. Zur Aufheiterung eine eingestreute Floskel, was einem halt so entschlüpft: "Vergessen, vergaß, vergaste." Sicherlich, "Frauen sind keine Engel." - "Und dennoch", das ist der Schlager, "sind sie so süß, sie schenken einem verliebten Mann auf Erden schon das Paradies."

Dorthea Gädeke spielt eine feinnervige Lydia, Monika-Margret Stegers Irmtraut wahrt mühsam die Fassade, sooft sie irgendwo bröckelt. Alexandra-Maria Timmel ist eine so hitzige Christel, wie Felicitas Ott umgekehrt der Eisblock von einer Oberärztin auf der Euthanasiestation. Da gibt es noch ausländische Kellner und einen tätowierten Randalierer, die am Ende wie die behinderten Kinder ihre Tablette bekommen und einnicken.

Bis das Publikum wahrnimmt, dass die Vorstellung aus ist, ist das Leben schon eine Weile weitergegangen. Die ideologische Gefährlichkeit des deutschen Kulturgutes, besonders der Romantik, hat früher schon Elfriede Jelinek (Wolken. Heim) textfest gemacht. Das Wiener Unterhaltungstheater W.U.T. hat wiederholt die Gastmahl-Situation theatralischen Belastungsproben unterzogen.

Eva Diamantsteins Nachtmahl, entstanden in Koproduktion mit Spielart/München und Schauspiel Frankfurt, zeigt in einem ähnlichen Ansatz, was zum Vorschein kommt, wenn man an der Tünche kratzt, die der Nationalsozialismus auf dem Bild der angeblich ungeschminkten deutschen Frau hinterlassen hat.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 9.02.2002)

Informationen unter:
Schauspielhaus
Share if you care.