Blick zurück nach vorne

8. Februar 2002, 19:30
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Lasst mich Mütterchen Russland wieder stark machen!

Doris Krumpl

So blank geputzt und goldglänzend wie heute haben die Kuppelwälder von Moskaus Kirchen schon lange nicht mehr geleuchtet. "Nation, Religion und die Rückbesinnung auf die Zarenzeit stehen an oberster Stelle der sinnstiftenden Maßnahmen, das Trauma der verlorenen Weltbedeutung zu minimieren", sagte die deutsche Russland-Expertin Jutta Scherrer im Vortrag "Wie Russland seine Vergangenheit sucht".

Doch nicht nur Kirche oder Kosakenidylle freuen die Russen, es wird auch Geschichte neu erfunden. Unter dem Pseudonym Boris Akunin erscheinen Detektivromane - ein Genre, das in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts nicht existierte. Die massenhafte Nachfrage zeigt das Interesse, im "gelöschten Bewusstsein des 20. Jahrhunderts, vor allem des Kommunismus, den Spuren des russischen James Bond namens Fandorin zu folgen".

Die Hauptstadt Moskau symbolisiert Macht. War auch St. Petersburg im 18. Jahrhundert Hauptstadt des Reiches, so blieb der Mittelpunkt der russischen Seele immer Moskau, in dem sich Iwan der Schreckliche 1547 zum Zaren von ganz Russland krönen ließ. Um es mit Puschkin zu sagen: "Moskau . . . Wie packt doch dieser Name / Das Russenherz mit Ungestüm! / Was spricht nicht alles, / klingt aus ihm!" Die Stadt war zudem das spirituelle Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche, der Kreml seit dem Mittelalter das Machtzentrum.

Wenn nun Staatspräsident Wladimir Putin auf dem neuen, landesweit verbreiteten Repräsentationsplakat in einem der Kremltürme gemalt wird, hinter sich den Kreml und zwei goldglänzende Kirchen, bringt dies obige Sehnsucht nach dem alten Großreich wieder zum Ausdruck. Die Christ-Erlöser-Kathedrale im Hintergrund, erstmals errichtet Mitte des 19. Jahrhunderts, war von den Kommunisten zerstört und durch das Freiluftschwimmbad Bassin Moskwa ersetzt worden. Seit 1995 prangt die Kirche wie ein strahleweißer Alien an dieser prominenten Stelle. Den Umbau initiiert hat Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, der übrigens auch von Putin-Maler Nikas Safronow porträtiert wurde.

Safronow, Haus- und Hofmaler von Prominenten, tat sich erstmals hervor, als er Lücken von Ikonen mit Nackedeis füllte. Der fesche Mittvierziger, der sich gerne auch in Erotikmagazinen ablichten lässt, ist Liebling der High Society und Gast in jeder erdenklichen Talkshow. Mit einer Million Dollar Einkommen pro Jahr steht er für den (absurden) Erfolg in bewegten Zeiten, wobei er betont, er sei einer der wenigen, der dies mit legalen Mitteln erreicht. Mit seinen Porträts, kitschigen Surrealismus-Paraphrasen oder historisierenden Landschaftsbildern erfüllt er die Sehnsüchte vieler Russen.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zu Putin.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 9.02.2002)

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