Freudscher Vermaler

8. Februar 2002, 19:24
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Repräsentationsgemälde von Oberhäuptern im Vergleich: Queen Elizabeth II und Wladmir Putin

Markus Mittringer

Grundsätzlich gilt: "Ich will, dass die Farbe wie Fleisch selbst wirkt. Ich habe ,la belle peinture' und ,la delicatesse des touches' immer verachtet. Ich weiß, dass meine Vorstellung über Porträtmalerei meiner Unzufriedenheit über Porträts entsprang, die Menschen ähnelten. Ich wollte Porträts von und nicht ähnlich wie Menschen machen. Ich wollte nicht das Aussehen des Modells, sondern sein Wesen. Ich wollte nicht nur eine Gleichheit, wie sie ein Mimiker, sondern eine Identifikation, wie sie ein Schauspieler zustande bringt. So weit es meine Arbeit betrifft, heißt das, die Malerei ist die Person. Ich möchte, dass sie wie der Mensch selbst wirkt."

Lucian Freud, ein Enkel Sigmund Freuds, hat fast ausschließlich Verwandte oder Bekannte porträtiert, oftmals sich selbst, bisweilen seine Liebhaber - im vergangenen Jahr Elizabeth II, die Queen. Wie bei allen anderen seiner "Sitzenden" war er auch bei Elizabeth nur am Tier in der Königin interessiert.

Ergebnis: Die Queen sieht auf der 15 x 23 Zentimeter großen Miniatur auch genauso aus, wie sie eben aussieht. Ihr Gesicht: schwer tränenbesackt. Ihre Haut: fahl und fleckig, in schwere Falten gelegt. Die Perlen in den königlichen Ohren ziehen fatal an deren mürben Läppchen. Müde sieht sie aus, die Queen, verbraucht, missmutig. 50 Jahre schon lastet die Krone auf Großbritanniens Oberhaupt, gebettet ins zusehends ausdünnende, lebensherbstgraue Haar. Vier Stunden saß die Queen Modell, zehn Monate hat Freud gebraucht, ihren Charakter festzumachen.

Der Buckingham-Palast vermeldet rühmend die "enorme Ausstrahlungskraft" des Bildes. Die Queen selbst schweigt. Bislang. Vielleicht findet sie ja noch passende Worte, wenn am 22. Mai dieses Jahres die neue Queen's Gallery im Buckingham-Palast eröffnet und das Gemälde dort erstmals öffentlich präsentiert wird. Und vielleicht müssen dann, angesichts beider Originale (Queen vor Bild), die britischen Medien ihr Freud-Vorurteil revidieren. Die Sun forderte, man möge für Lucian Freud den Tower wieder seiner ursprünglichen Funktion zuführen, denn es ginge einfach nicht an, dass Elizabeth II aussehe, "wie ein Corgi, der eine Wespe verschluckt hat".

Keine Konsequenzen will dagegen die Times gezogen wissen, charakterisierte den Ausdruck der Queen dafür knapp und treffend mit "unrasiert". Lucian Freud zeigt die Queen "nackt". Bild und Vorbild sind gänzlich unhöfisch in Deckung gebracht. Das Antlitz der Nation ist frostig. Die Mutter hat fertig. Ausgelaugt künden bloß noch die Insignien von längst vergangener Macht. Ansonsten könnte man meinen, einer x-beliebigen alten Dame zu begegnen. Und würde auch der die Kritik an ihrem Friseur ersparen. Die Queen schreibt fortan nur mehr Kunstgeschichte.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 9.02.2002)

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