"Jeder muss allein da runter"

9. Februar 2002, 12:54
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Die österreichischen Skifahrer zählen zu den größten Favoriten bei den Spielen. DER STANDARD sprach mit Herren-Cheftrainer Toni Giger über Qualifikation, Erwartungen und Befinden

Standard: Birgt die Qualifikation am Samstag nicht ein gewisses Risiko? Ist die Belastung für die Läufer, die am Sonntag wieder am Start stehen, nicht sehr groß?
Anton Giger: Es stimmt schon, das sind zwei Rennen in 24 Stunden. Aber man muss ins Kalkül ziehen, dass die Abfahrt nicht sehr lang ist. Körperlich ist das sicher machbar für unsere Leute. Am Samstag herrschen wahrscheinlich ähnliche Bedingungen wie im Rennen am Sonntag. Wir wollen, dass die Schnellsten fahren, das wird klar und einfach geregelt, das Team stellt sich selbst auf.


STANDARD: Der ÖSV hat die Abfahrten im Weltcup eindeutig dominiert. Wie groß ist der Erwartungsdruck, wie hoch sind Ihre Erwartungen?
Giger: Keine Frage, wir sind hier die großen Favoriten. Aber gerade bei Großereignissen sind Favoritensiege nicht selbstverständlich. In den Olympia-Abfahrten hat's oft Erfolge von Außenseitern gegeben, der erwartete Sieg von Pirmin Zurbriggen 1988 war in der jüngeren Vergangenheit beinah die Ausnahme. Es sind alle falsch gewickelt, die glauben, dass wir hierher gekommen sind und uns nur noch den Sieg abholen müssen.


STANDARD: Wurmt es Sie, dass Sie, weil bei den Spielen jeweils nur ein Quartett teilnehmen darf, auf Fahrer verzichten müssen, die durchaus Medaillenchancen hätten?
Giger: Was heißt wurmen? Olympische Spiele funktionieren halt so. Und die Burschen wissen das, seit sie alle mit dem Skifahren begonnen haben, schließlich waren die Regeln immer schon so. Ich kann nur versuchen, die Besten an den Start zu bringen. Und Tatsache ist, dass ich jedem Österreicher, der hier am Start ist, eine Medaille zutraue. Insgesamt drei bis vier Medaillen, das ist eine realistische Hoffnung. Es ist nicht gerade Monopoly, was wir da spielen - es ist Olympia.

STANDARD: Wie hoch ist Ihr Anteil am Erfolg der ÖSV-Läufer? Und wie nervös sind Sie?
Giger: Das Bauchkribbeln ist da, schließlich handelt es sich um ein Ereignis, das nur alle vier Jahre stattfindet. Wir Betreuer sorgen dafür, dass die Trainingsläufe ausgewertet werden, da sind wir sicher weltweit führend, und wir geben Tipps. Auch wir haben das ganze Jahr hart gearbeitet, die Voraussetzungen geschaffen. Aber letztlich steht jeder allein da oben am Start, und jeder muss allein da runter.

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 9./10. 2. 2002)
Von Fritz Neumann
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