Venezuela: Offizier rebelliert gegen Hugo Chávez

8. Februar 2002, 18:56
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Luftwaffenoberst Pedro Soto (Bild) nannte den Präsidenten einen "Tyrannen" und erntete tosenden Applaus von Demonstranten

Caracas/Montevideo -Nachdem Washington diese Woche scharfe Kritik an seiner Regierung übte, trat in der Nacht auf Freitag bei einer Veranstaltung der Opposition in Caracas plötzlich ein Offizier ans Rednerpult und erklärte Chávez zum undemokratischen Despoten. 75 Prozent der Streitkräfte stünden hinter ihm, rief der uniformierte Oberst Pedro Soto.

"Der Präsident muss zurücktreten und Neuwahlen ausrufen, damit Venezuela wieder demokratisch von einem Zivilisten regiert wird", forderte Soto. Donnernder Applaus der Anwesenden begrüßte seine Worte.

Menge verhindert Festnahme

Mit Soto und mehreren Oppositionsabgeordneten an der Spitze zogen mehrere Tausend Menschen lautstark mit Töpfen klappernd durch die Straßen bis zur Residenz des Präsidenten, um Chávez zum Rücktritt aufzufordern.

Die Menge verhinderte unterwegs sogar die Festnahme des rebellischen Offiziers, der verkündete, in den nächsten Tagen weitere Protestkundgebungen anführen zu wollen. Keinesfalls werde er sich den Behörden stellen, er habe kein Delikt begangen, sagte Soto.

Pöbeleien

In der Nacht zogen sich die Demonstranten langsam wieder zurück, als mehrere Hundert Anhänger der Regierung aufmarschierten und es vereinzelt zu Pöbeleien zwischen den Lagern kam. Die Polizei schritt mit Tränengas ein.

Die Regierung versuchte den Zwischenfall herunterzuspielen. Die Lage sei ruhig, der Präsident befinde sich in einer Arbeitssitzung, sagte Vizepräsident und Oberstleutnant a.D. Diosdado Cabello am Freitag. Er sprach von einer Montage der Opposition, Soto sei manipuliert worden. Innenminister Ramón Rodríguez Chacin bezeichnete Soto als "opportunistischen Verräter".

Popularität stark gesunken

Trotz voller Staatskassen und wirtschaftlicher Sondervollmachten des Kongresses bekam Chávez in den knapp drei Jahren seiner Amtszeit weder die Arbeitslosigkeit, noch die Armut (70 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze) oder die Kriminalität in den Griff. Seine Popularität sank daher in Umfragen von 70 auf knapp 40 Prozent.

Die Spaltung des Landes in Gegner und Anhänger des Präsidenten durchzieht auch die Streitkräfte, wenngleich unabhängigen Beobachtern zufolge Chávez die Mehrheit der Uniformierten hinter sich hat. Soto selbst wurde vor kurzem der Aufstieg zum General verweigert.

Chávez' autoritärer Regierungsstil stößt jedoch zunehmend auf Kritik der Unternehmer, der Kirche, der Medien und nun auch der USA. Chávez pflegt freundschaftliche Kontakte nicht nur mit den so genannten Schurken-staaten wie Libyen, Irak und Kuba, sondern unterhält auch ausnehmend gute Beziehungen zur kolumbianischen Farc-Guerilla. Venezuela gehört zu den wichtigsten Öllieferanten der USA. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 9./10.2.2002)

Venezuelas linkspopulistischer Präsident, Hugo Chávez, gerät immer stärker unter Druck. Ein Offizier erklärte ihn zum "Tyrannen" und wurde dafür bejubelt.

Von Sandra Weiss

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