IKRK: Flüchtlinge leben in "schockierender" Armut

8. Februar 2002, 16:55
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Karsai: Rückkehr der Flüchtlinge nach Afghanistan braucht Zeit

Islamabad/Genf/Paris/Hamburg - Die Rückkehr von mehr als vier Millionen Flüchtlingen nach Afghanistan braucht nach Aussage von Regierungschef Hamid Karsai Zeit. "Gebt uns Zeit, um ihre Rückkehr in Ruhe, Würde und mit Arbeitsplätzen für sie vorzubereiten", sagte Karsai am Freitag bei einem Besuch im benachbarten Pakistan. Dort leben etwa 2,5 Millionen afghanische Flüchtlinge. Weitere 1,6 Millionen Afghanen halten sich in Iran auf. Die meisten dieser Menschen waren vor der sowjetischen Besetzung Afghanistans von 1979 bis 1989 geflohen. Karsai selbst war vor den Taliban nach Pakistan geflüchtet.

In "schockierender Armut" lebt nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) die Bevölkerung in einigen abgelegen Tälern in West-Afghanistan. "Wir sahen Kinder, die auf den Feldern nach Wurzeln gruben, um sie zu essen oder als Feuerholz zu nutzen", sagte ein IKRK-Vertreter. Die Menschen in der von Dürre gezeichneten Region verzehrten in ihrer Not auch Blätter von Bäumen.

Töchter gegen Mehl getauscht

In einem Tal mit rund 10.000 Einwohnern gebe es überhaupt keine Landwirtschaft mehr, berichteten die IKRK-Helfer nach einer zweiwöchigen Mission in den Provinzen Herat und Farah. Familien seien so verzweifelt, dass sie ihre Töchter gegen hundert Gramm Mehl tauschten. Die IKRK-Mitarbeiter hatten das Tal nur durch Zufall bei einem Stopp in der benachbarten Stadt Adraskand rund 80 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Herat entdeckt. Das IKRK und seine islamische Partnerorganisation Roter Halbmond kündigten an, fünf Provinzen im Westen des Landes durch ein Notprogramm versorgen zu wollen. In der Region leben rund 600.000 Menschen. Sie sind von internationalen Hilfslieferungen seit Jahren abgeschnitten.

Die internationale Schutztruppe in Afghanistan (ISAF) nimmt Formen an: Sechs der insgesamt 16 Länder-Kontingente seien inzwischen vollständig, teilte der französische Generalstab am Freitag in Paris mit. Dazu zählten 1800 Soldaten aus Großbritannien, 500 aus Frankreich, 350 aus Italien, 50 aus Dänemark, 50 aus Österreich sowie 43 aus Schweden. Die sechs Einheiten seien "operationell voll einsatzfähig". Die zehn übrigen Kontingente befänden sich weiterhin im Aufbau. Bis Ende des Monats solle die volle Truppenstärke von 4500 Soldaten erreicht sein, hieß es weiter. Aus Deutschland ist bisher das Vorauskommando mit 249 Soldaten, in das auch die österreichischen Soldaten integriert sind, in der afghanischen Hauptstadt Kabul eingetroffen. Insgesamt umfasst das deutsche Kontingent rund tausend Soldaten.

Aufbau einer Polizeitruppe

Spätestens Anfang März wollen in Deutschland Bund und Länder die ersten zehn Polizisten zum Aufbau einer Polizeitruppe nach Afghanistan schicken. Wie der "Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe berichtet, trafen sich vergangene Woche Vertreter der Länder im Bundesinnenministerium, um zu klären, welche Bundesländer kurzfristig wie viele Beamte zur Verfügung stellen können. Dem Bericht zufolge sollen am kommenden Mittwoch im Auswärtigen Amt die Details des Einsatzes mit Abgesandten der Staaten der Afghanistan-Geberkonferenz und internationalen Organisationen besprochen werden. Die Deutschen wollen zunächst ein Projektbüro in Kabul aufbauen und dort der afghanischen Polizei bei der Ausbildung und Ausstattung zur Seite stehen. Dafür sollen 4,6 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Ein griechisches Militärkontingent ist bereit zum Einsatz in Afghanistan. Die rund 130 Männer sollen am Montag an Bord einer Transportmaschine der griechischen Luftwaffe nach Afghanistan fliegen, meldete die halbamtliche Nachrichtenagentur ANA in Athen. Die Soldaten, hauptsächlich Sanitäter und Pioniere, verabschiedeten sich am Freitag von ihren Angehörigen in einer Kaserne der nordgriechischen Hafenstadt Saloniki. (APA/dpa)

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