Girlandomanie

8. Februar 2002, 12:55
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Während der Winter bemüht ist, sich noch einmal ordentlich zu übergeben, ziehen die Großereignisse der Saison über uns hinweg oder streifen uns via TV netzhautnah:

Olympia. (Dabei sein ist alles.) Opernball. (Daheim bleiben ist mehr.) Fasching. (Daneben sein ist menschlich.) Aber auch das hat ein Ende. Der Aschermittwoch, der mit Abstand lustigste Tag aus dieser Serie, ist in Griffweite. Man muss sich nur noch durch die Papierschlangen und Girlanden kämpfen. Eine der größten nicht gefeierten Weltsensationen der Unterhaltungskulturindustrie ist nämlich der Wandel des Faschingsschmucks im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte. Dieser Wandel ist - niemals eingetreten.

Aus einem psychoanalytisch noch nicht aufgearbeiteten Wiederholungszwang heraus müssen wir der Reizarmut unserer östlich angehauchten Kindheit Jahr für Jahr das gleiche erschütternde Denkmal setzen. Wir nehmen die zeitlos übelfarbenen Bänder und Zieharmonikas und verwüsten damit Tausende Raumquadratmeter Wohnfläche, als wäre Design nie gewesen. Jahresgehälter fließen in Möbelhäuser, damit wir uns daheim wohler fühlen. Und dann versauen wir uns die Innenarchitektur mit Steinzeit-Krepppapier.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.2.2002)

Von
Daniel Glattauer
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