"Zweisprachige Ortstafeln sind demokratische Kultur"

8. Februar 2002, 06:53
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Politologe Leonhard vermisst verantwortungsbewusste österreichische Linke

Berlin - Der österreichische Politologe und Marxismus-Leninismus-Experte Wolfgang Leonhard hat am Donnerstagabend an der österreichischen Botschaft in Berlin das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse erhalten.

Am Rande der Veranstaltung äußerte er seine "besorgte Meinung" im Zusammenhang mit dem in Österreich stattfindenden "Kampf gegen zweisprachige Ortstafeln": Zum einen sei die Ortstafelfrage völkerrechtlich ohnehin schon geklärt, sagte Leonhard, zum anderen "gehört das heute zur demokratischen Kultur". In der Schweiz und in Deutschland gebe es zweisprachige Beschriftungen bei einem weit niedrigeren Prozentsatz von Minderheiten in der Bevölkerung als zehn Prozent.

Österreichischer "Antislawismus"

Zu einem möglichen "Antislawismus" der Österreicher wollte der 81-jährige Wissenschaftler, der 21 Jahre lang an der Yale-Universität in den USA gelehrt hatte, nicht Stellung nehmen. Er habe sich allerdings gewundert, dass Österreich bisher als neutrales Land keine größere Rolle in den internationalen Gremien gespielt habe, was eine Vermittlerrolle zu seinen östlichen Nachbarn betrifft.

Besorgt sei er auch zur Zeit der EU-Sanktionen gegen die österreichische Regierung gewesen, gab Leonhard zu: "Ich bin Oxford-geschädigt und deshalb für Differenzierung." Ebenso kritisierte er das Verhalten einiger europäischer Politiker dem italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi gegenüber: "Es gibt auch in der Schweiz und in Dänemark einen sehr bedenklichen Rechtsblock." Man dürfe ein Land niemals verallgemeinern, so Leonhard.

Was er in Österreich vermisse, sei eine verantwortungsbewusste Linke, sagte der in Deutschland lebende Politologe: "Die Kaffeehausliteraten waren entweder links oder liberal." Das fehle heute, zumal er für ein ausgewogenes Parteiensystem sei, sagte Professor Leonhard. (APA)

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