Portugal: Größter Stausee Europas füllt sich

8. Februar 2002, 20:42
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Riesenprojekt zur Bewässerung und Stromgewinnung immer noch unter Kritik

Im südportugiesischen Alqueva wurden am Freitag die Schleusen für den künftig größten künstlichen See Europas geschlossen. Premierminister António Guterres gab das Kommando und sah zu, wie die ersten Stücke Uferlandschaft des spanisch-portugiesischen Grenzflusses Guadiana zu verschwinden begannen. Mit dem feierlichen Akt wurde auch ein vorläufiger Schlusspunkt unter eine fast 50-jährige Polemik gesetzt.

Schon zu Zeiten von Diktator Salazar träumten die Bewohner im Alentejo - auch heute noch eine der ärmsten und unterentwickeltsten Regionen Europas - von Wasser für die Landwirtschaft. Doch die erste Betonladung für die 96 Meter hohe Hauptstaumauer wurde erst 1998 ins Guadianatal geschüttet.

Endlose Diskussionen

Vorausgegangen waren endlose Diskussionen über Sinn und Zweck des Projekts, Proteste von Umweltschützern, eine 2000 Seiten umfassende Umweltverträglichkeitsstudie und das Plazet der mitfinanzierenden EU. Wenn alles nach Plan läuft, wird das Gesamtprojekt für die Bewässerung von 112.000 Hektar Agrarland 2025 fertig sein und Kosten von 1,8 Milliarden Euro (24,8 Milliarden Schilling) verschlungen haben.

Hunderte von bisher nur schlecht erforschten Höhlenmalereien und mehr als eine Million Bäume fallen dem Unternehmen zum Opfer, geschützte Tierarten verlieren ihre Lebensräume, ein ganzes Dorf wird aus der Landschaft gesprengt, seine Bewohner in ein ultramodernes Musterdorf umgesiedelt. Der neue See mit seiner 250 Quadratkilometer großen Wasseroberfläche soll Touristen anlocken, schon ab kommendem Jahr wird Elektrizität produziert - sofern der Guadiana denn genügend Wasser bringt.

Bauern verkaufen Land

Viele der Bauern fürchten sich vor der Umstellung auf Bewässerungswirtschaft. Sie verkaufen ihr Land jetzt an in-und ausländische Agrar- oder Tourismusunternehmen, die Hauptnutznießer des Alqueva-Projekts sein werden. Für kräftige Investitionen in Tourismusinfrastrukturen sind die Politiker aus den umliegenden Gemeinden.

Auf der andern Seite stehen die Umweltorganisationen. Deren Vertreter erschienen schwarz gekleidet zum Schleusenschluss, denn für sie war der Freitag ein Trauertag. Sie wollen weiterhin, dass der See nicht bis zur Höhe von 152, sondern nur bis zu 139 Metern gefüllt wird. Dies genüge für die vorgegebenen Ziele, würde aber unnötige Rodungen ersparen.

Umweltminister José Sócrates wollte diese Argumente nicht gelten lassen. Er sagte, die Regierung habe "ein Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Interessen gefunden". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. 2. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Susanne Rindlisbacher aus Lissabon
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