Hightech soll Blinden und Tauben helfen

7. Februar 2002, 20:44
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Bionik setzt auf Elektroden im Gehirn

Washington/Providence/Wien - Taube hören wieder, in Zukunft sollen auch Blinde wieder sehen. Bionik, die Kombination von Biologie und Technik, macht's möglich.

Jüngster Erfolg: Hören ohne Hörnerven. Ein für gehörlose Menschen unerhörter Gewinn an Lebensqualität. Denn bisherige Implantate für Innenohr bzw. Schnecke ("Cochlea") können völlig tauben Personen nicht helfen. - Die Nerven sind zu stark zerstört. Daher setzen Wissenschafter nun direkt im Hirn an. Eine Mikroelektrode reizt direkt jene Region, die fürs Hören zuständig ist, den "Nucleus cochlearis ventralis" (VCN).

Seit den 70ern versucht man Ergebnisse aus Versuchen mit Katzen und Rhesusaffen in solche Implantate umzusetzen - mit mäßigem Erfolg. Josef Rauschecker von der Biophysik-Abteilung der Georgetown University in Washington erklärt, warum: "Der Nachteil bisher war, dass durch Reizung an der Oberfläche des VCN nur Töne in einem tiefen Frequenzbereich wahrgenommen werden. Sprachverstänndis", sagt der studierte Techniker zum STANDARD, "ist nur mit Lippenablesen möglich."

Nun scheinen die Implantate einen entscheidenden Entwicklungsprung zu machen, schreibt Rauschecker im neuen Science (Vol. 295, S. 1025). Kurz gesagt, wagen sich die Forscher mit den Elektroden in die Tiefen des Hirns vor. Statt eines einzigen, verkabelten Artefakts, stecken sie mehrere Elektroden in den VCN und stimulieren so direkt einzelne Nervenzellen. "Tiefenelektroden", erläutert Rauschecker den Vorteil, "decken alle Frequenzbereiche ab, und die Hoffnung ist, dass sich so bei Ertaubten volles Sprachverständnis wieder herstellen lässt."

So weit ist die Bionik beim Sehvermögen noch nicht. Derzeit verfolgt man zwei Ansätze: eine Kamera, die die Bildinfo auf einen Chip auf der Netzhaut schickt, der dann den Sehnerv elektrisch reizt. Und ein Implantat mit Tausenden Mini-Photodioden, das unter der Netzhaut direkt die Neuronen stimuliert. Diesen Zugang erforscht auch die Nasa (siehe Grafik).

Auge in neuem Licht

Beim Sehen sieht sich der Fortschritt der Ersatzteilmedizin ungeahnten Schwierigkeiten gegenüber. So etwa machten Wissenschafter der Brown University auf Rhode Island eben erst große Augen bei der Entdeckung, dass die Medizin dieses Sinnesorgan noch nicht ganz durchschaut hatte. Neurowissenschafter David Berson und Kollegen entdeckten nämlich, dass neben Zapfen- und Stäbchenzellen eine dritte, bisher unbekannte Zellart an der Verarbeitung der Lichtimpulse mitwirkt (Science Vol. 295, S. 1070). Sie sitzt tiefer in der Netzhaut und wirkt an der "inneren Uhr" mit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 2. 2002)

Von Roland Schönbauer
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