"Selbstgefällig und unfähig": Ohrfeige für Italiens Linke

7. Februar 2002, 20:36
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Filmregisseur Nanni Moretti liest dem Oppositionsbündnis die Leviten

Es hätte ein Heimspiel für die italienische Linke werden sollen: Samstag, Rom, Piazza Navona - das Mitte-links-Bündnis Ulivo hatte zu einer Kundgebung unter dem Motto "Das Gesetz ist für alle gleich" aufgerufen. Von Ulivo-Führer Francesco Rutelli bis Piero Fassino, dem Chef der Linksdemokraten, waren alle, die links der Mitte Rang und Namen haben, zum bequemen Berlusconi-bashing angetreten. Die politischen Watschen trafen an diesem Samstag allerdings nicht Premier Silvio Berlusconi, sondern die Oppositionsführer selbst. Der Filmregisseur Nanni Moretti ("Das Zimmer meines Sohnes") hielt unter dem Applaus der "Piazza" eine Brandrede über die "unglaubliche Untätigkeit und Unfähigkeit" des Ulivo. Seither wird in Italien über die "Ohrfeige eines Wählers" polemisiert. Moretti indes verschärfte am Dienstag auf der Titelseite der Repubblica seine Abrechnung mit der Opposition noch einmal:

"Ich zähle mich zu den Gemäßigten, wähle die Linksdemokraten. Allein: Gemäßigt zu sein, bedeutet noch lange nicht, passiv zu sein, zu resignieren, sich mit den schlechtesten Abnormitäten und Anomalien Italiens abzufinden. Das was man gemeinhin ,Zivilgesellschaft' nennt, mag ich nicht zum Mythos erheben. Politik soll von professionellen Politikern gemacht werden - allerdings von solchen, die imstande sind, auf ihre Wähler zu hören."

"Verwirrt und verlegen müssen wir die Unfähigkeit der Führer des Ulivo registrieren. Es mag brutal klingen, aber wir Wähler sind die Arbeitgeber dieser Parlamentarier. Wenn sie nicht imstande waren, unseren Unmut zu verstehen, müssen sie eben heute zuhören, wenn wir selbst zu sprechen beginnen."

Verrückte Situation

"Die Situation in Italien ist verrückt und leider unumkehrbar: Man hat Berlusconi erlaubt - und das ist einzigartig auf der Welt -, drei landesweit ausstrahlende Fernsehkanäle zu besitzen. Man hat ihm erlaubt, gewählt, ja Premierminister zu werden. Seine Wahl war gesetzwidrig, er sitzt unrechtmäßig im Parlament - aber das ist nun einmal eine Tatsache und wir müssen mit dieser absurden Sachlage umgehen lernen."

"Weil es Berlusconi verbreiten lässt, glaubt seine Wählerschaft, dass die Kommunisten 50 Jahre lang regiert haben. Sie glaubt, dass die Mehrheit der Zeitungen und Fernsehkanäle in Händen der Linken sind, dass Berlusconi von der Justiz verfolgt wird, dass ein Unternehmer auch die Firma Italien gut führen kann. (...) Was immer Zweifel über Berlusconis Ehrlichkeit oder seine Fähigkeiten aufkommen lassen mag, deswegen verliert er keine einzige Stimme. Jemand dieses Einflusses würde auch die Linke brauchen; jemand, der die Seele, den Kopf und das Herz der Wähler anzusprechen vermag."

"Viele Italiener erwarten erwarten Beständigkeit und klare Entschlüsse von der Opposition. Die Führer des Ulivo allerdings scheinen nur auf Fehler Berlusconis zu warten, ohne selbst etwas zu unternehmen. Paradoxerweise hat die Linke nach dem Wahlsieg des Ulivo 1996 Berlusconi wieder hoffähig gemacht. (...) Einige haben sogar versucht, die Verfassung mit ihm als ,Statisten' zu reformieren. Jetzt, scheint mir, zeigt sich, dass Berlusconi alles andere als ein Staatsmann ist: Die Demokratie ist ihm fremd, er versteht sie nicht und sie lässt ihn Zeit verlieren. Er macht Gesetze für seine Zwecke und zu seinem Gebrauch. Ein fehlendes Antitrustgesetz und keine Regelung für Interessenskonflikte sind weitere Fehler der Linken, die sich jetzt rächen."

Man hat mir gesagt: ,Es war nicht der richtige Ort, die adäquate Art für deine Rede'. Allein: Ich habe mich nie davor gefürchtet, dass meine Kritik an der Linken von der Rechten instrumentalisiert werden könnte. Ich war nie mit der stalinistischen Praxis der doppelten Wahrheit einverstanden, die besagt: ,Kritisiert wird im Privaten, in der Öffentlichkeit zeigen wir Geschlossenheit'. Schmutzige Wäsche muss öffentlich gewaschen werden. Und meine Kritik, so schließe ich aus einigen Reaktionen, war offenbar nicht gänzlich nutzlos."
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2002)

Übersetzung: Christoph Prantner
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