Die Kinder der Atomtest-Opfer sind gezeichnet

7. Februar 2002, 21:09
7 Postings

Um 50 Prozent erhöhte Mutationsrate - von den Eltern absorbierte Strahlendosis aus dem Genom ablesbar

Washington - Radioaktive Niederschläge von Atomtests der Sowjetunion lassen sich noch im Erbgut von Kindern damals bestrahlter Eltern nachweisen. Das berichtet ein internationales Forscherteam im US-Wissenschaftsjournal "Science". Bei der ersten Generation von Anwohnern des Atomtestgeländes Semipalatinsk in der Beskaragai-Region von Kasachstan stieg demnach die Zahl genetischer Veränderungen an bestimmten DNA-Abschnitten um rund 80 Prozent. Die Generation ihrer Kinder besitzt noch eine um 50 Prozent erhöhte Mutationsrate.

Aus dem Genom abgelesen

Yuri Dubrova von der Universität von Leicester (Großbritannien) und Kollegen aus Kasachstan und Finnland hatten 40 Familien aus der Nachbarschaft des Testgebiets auf Erbgut-Mutationen untersucht. Die Ergebnisse verglichen die Forscher mit denen von 28 Familien einer "unbestrahlten" Kontrollgruppe. Bei Kindern aus der Nachbarschaft des Testgebiets, die die überirdischen Atomversuche zwischen 1949 und 1956 selbst nicht miterlebt hatten, ließ sich demnach sogar noch die von ihren Eltern absorbierte Strahlendosis aus dem Genom ablesen. Eine Strahlenbelastung aus der Umwelt schließt Dubrovas Team als Ursache aus.

Je später die Eltern geboren wurden, desto geringer fiel die Mutationsrate bei ihren Kindern aus, berichten die Forscher. Dies zeige, dass der 1963 in Moskau ausgehandelte Stopp von überirdischen Atomtests die genetischen Risiken der betroffenen Bevölkerung effektiv verringert habe. Welche Auswirkungen die Keimzellen-Mutationen auf die Gesundheit der Betroffenen haben, ist bisher nicht zu erkennen, heißt es in einem "Science"-Kommentar. Die genetischen Veränderungen könnten auch reine "Biomarker" sein, die auf das Befinden des Menschen keinen Einfluss ausüben, schreibt das Fachjournal.

Nach Tschernobyl-Katastrophe noch Millionen hilfebedürftig

In Ergänzung dazu eine am Mittwoch in New York veröffentlichte Studie der Vereinten Nationen: Fast 16 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl benötigen demnach noch Millionen Menschen in der Region internationale Hilfe und leben in einem Zustand "chronischer Abhängigkeit". Teile der Bevölkerung von Weißrussland, der Ukraine und der Russischen Föderation kämpfen demnach weiterhin mit Gesundheits- und Umweltproblemen und der hohen Arbeitslosigkeit in der Region. Hilfsprojekte müssten langfristig angelegt sein, die Bevölkerung müsse beteiligt werden, forderte der Leiter des UN-Büros für Koordinierung Humanitärer Angelegenheiten, Kenzo Oshima.

Schätzungsweise sieben Millionen Menschen leiden laut UN-Studie unter den Folgen der schwersten Atomkatastrophe in der Menschheitsgeschichte. 30.000 Menschen kamen als Folge einer Explosion im Reaktorblock 4 des ukrainischen Kraftwerks Tschernobyl ums Leben. Die radioaktive Strahlung führte bei vielen zu schweren gesundheitlichen Schäden: Bisher 2.000 Menschen seien an Schilddrüsenkrebs erkrankt; in den nächsten Jahren könnten bis zu 10.000 Erkrankungen dazukommen. (APA/dpa)

Vgl. "Science" (Bd. 295, S. 1037)
Share if you care.