Gutachter- "Prostitution"

8. Februar 2002, 15:11
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Mediziner veröffentlichen Forschungsergebnisse, die nicht von ihnen stammen - Pharmaindustrie liefert die Daten

London - Etwa die Hälfte der Publikationen über neue Medikamente in Medizinjournalen wird von Ärzten eingereicht, die die Forschungen nicht selbst durchgeführt haben und ihre Ergebnisse nur unvollständig kennen: Statt auf alle Rohdaten stützen sie sich auf vorgefertigte Enddaten, die ihnen von der Pharmaindustrie geliefert werden.

So schätzt Fuller Torrey, ein führender US-Psychologe, der seine Zunft studiert und eine "Oberklassenform der professionellen Prostitution" gefunden hat: Viele Ärzte arbeiten direkt für die Pharmafirmen, über deren Produkte sie wissenschaftlich befinden. Andere haben Aktien oder dürfen sich über üppige Vortragshonorare plus Freiflug zu exotischen Tagungsorten freuen.

Die Journale klagen schon lange, dass sie kaum noch unabhängige Gutachter finden. Aber sie haben bisher auch kaum Gegenmittel. Eines könnte nun von Angehörigen von Patienten kommen, die nach der Einnahme von Antidepressiva - ein besonders lukrativer und umkämpfter Markt - eine besondere Nebenwirkung zeigten: Gewalt.

Ein erste Klage gegen eine Pharmafirma ist bei Gericht anhängig: Ein Patient hat seine halbe Familie und sich selbst ermordet, während er unter Antidepressiva stand. Gutachter der Kläger finden die Gefahr dieser Nabenwirkung durchaus auch in den Rohdaten der Tests. Aber eben nicht in den Enddaten, aus denen dann die Publikation wurde. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 2. 2002)

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