Munterer Herr der Soundtrack-Ringe

7. Februar 2002, 21:28
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"Call Of The Champions" zwischen Mahler und Orff: Oscar-Sammler John Williams feiert seinen 70er

Am Donnerstag feiert der Filmkomponist und fünffache Oscar-Preisträger John Williams seinen 70. Geburtstag und denkt nicht an den Ruhestand. Er dirigiert bei der Eröffnung der Winterspiele in Salt Lake City seine Hymne "Call Of The Champions".


In das musikalische Gedächtnis des späten 20. Jahrhunderts hat sich der Filmkomponist John Williams mit einem strahlenden B-Dur-Akkord eingeschrieben: Der Tutti-Glanz des London Symphony Orchestra füllte 1977 den unwahrscheinlichsten aller Resonanzräume, den Sternenhimmel einer weit, weit entfernten Galaxis.

Während auf der Leinwand tapsige Androiden, haarige Außerirdische und Raumschiffe den "Krieg der Sterne" ausfochten, erzählte die Musik im Idiom der Spätromantik eine Geschichte von Heldentum, Bedrohung und Triumph. Eine in utopischen Fernen spielende Fabel wurde an eine vertraute Musiksprache rückgebunden, Charaktere in wagnerianische Leitmotive übersetzt: vom heldenhaften Luke-Skywalker-Thema mit seinen Septimsprüngen bis zum "Pomp & Circumstance"-artigen Hymnus des Finales.

Das traf den Märchenton, die archetypische Grundstruktur von Star Wars genau, und es traf den Nerv der Zeit. Der Soundtrack zu Star Wars (später mit dem Untertitel "A New Hope" versehen) verkaufte sich über vier Millionen Mal, brachte Williams seinen dritten Oscar ein und war für viele Hörer ein Initialerlebnis, das sie nicht nur mit der Welt der Filmmusik, sondern mit der Tradition der symphonischen Musik überhaupt vertraut machte. Zugleich war die fast pausenlose Untermalung des Geschehens eine Reminiszenz an die orchestralen Klangteppiche der klassischen Hollywood-Ära.

Das US-Kino, das nach dem Zusammenbruch des Studiosystems vorübergehend erwachsen geworden war, entdeckte da gerade den Teenager-Markt. Und es war kein Zufall, dass der Mann, der Star Wars-Regisseur George Lucas mit John Williams zusammenbrachte, die zweite große Figur in diesem Prozess der Reinfantilisierung war: Steven Spielberg, mit dem Williams von Sugarland Express (1973) bis zu A. I. (2001) nicht weniger als siebzehnmal zusammengearbeitet hat.

Spielbergs erster Welterfolg, Der weiße Hai (1975), wäre ohne das bedrohliche Mahlen von acht Kontrabässen und fünf Posaunen bei jedem Angriff des Untiers zweifellos weit weniger wirkungsvoll geworden (Oscar). Für Spielberg erfand Williams den unverschämt trivialen Indiana-Jones-Marsch, umgab den Asylanten E. T. mit Klängen voll Poesie (Oscar), ließ die von Itzhak Perlman gespielte Geige eine Elegie auf Schindlers Liste singen (Oscar).

Aber die großen Kassenschlager - neben den Genannten etwa noch Superman (1979), JFK (1991), Kevin - Allein zu Haus (1990) und Harry Potter (2001) - sind nur die spektakuläre Seite des erfolgreichsten Filmkomponisten aller Zeiten. Williams, 1932 in New York geboren, hat bei Mario Castelnuovo-Tedesco eine solide Komponistenausbildung erhalten; im Gegensatz zu vielen seiner voll verkabelten Kollegen sind seine bevorzugten Arbeitsinstrumente ein altes Klavier, ein Bleistift und Notenpapier.

Humane Sprache

Und obwohl er sich mit cha- mäleonhafter Gewandtheit in allen Stilen bewegt, vom Jazz über Country und Bluegrass bis zur Minimal Music, zeigen die besten - nicht unbedingt die erfolgreichsten - seiner Arbeiten eine oft melancholische, sensible, im altmodischen Sinne humane Sprache, etwa Jane Eyre (1971), Teufelskreis Alpha (1978), Dracula (1979), Schindlers Liste (1993) oder Die Asche meiner Mutter (1999).

Human im Sinne des lyrischen Singens sind auch Williams' "seriöse" Konzertkompositionen Tree Song und das Violinkonzert, die er vor kurzem mit Gil Shaham für die Deutsche Grammophon aufgenommen hat. Das handwerkliche Können und der Sinn für emotionale Zwischenwerte haben sich im Alter eher noch verfeinert, und gerade in letzter Zeit hat sich Williams meistens auf Filme jenseits der Popcorn-Grenze konzentriert. Vom Ruhestand ist der Mann jedenfalls weit entfernt: Vor wenigen Tagen hat er die Soundtrack-Einspielung von Star Wars - Attack of the Clones beendet, als Nächstes ist Spielbergs Minority Report an der Reihe.

Und am Donnerstag, an seinem siebzigsten Geburtstag, dirigiert er in Salt Lake City zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele seine Hymne Call Of The Champions. Und für die Zukunft ist eine Oper im Gespräch, die der Direktor der Los Angeles Opera, Plácido Domingo, gerne uraufführen möchte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 2. 2002)

Von
Wolfgang Fuhrmann

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