Franzosen sehen ihre Stunde gekommen

7. Februar 2002, 15:08
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Experten: EZB-Vize Noyer könnte Nachfolger werden - Absprache mit Franzosen vermutet

Frankfurt - Deutsche Volkswirte haben die Entscheidung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, sein Amt im kommenden Jahr vorzeitig niederzulegen, grundsätzlich positiv gewertet. Gleichzeitig halten es die Experten nun für wahrscheinlich, dass Frankreich einen Nachfolger für den Notenbankchef stellen wird. Duisenberg habe durch die Festlegung des Rücktritt-Zeitpunkts politisches Geschick gezeigt. Nun bestehe auch die Möglichkeit, dass der EZB-Vizepräsident Christian Noyer nach Ablauf seiner Amtszeit die Nachfolge von Duisenberg antritt, meinen Experten.

Dies liege sicherlich im Interesse von Duisenberg, meint der Chefvolkswirt der Dresdner Bank, Klaus Friedrich. Gleichzeitig bedeute dies eine Kontinuität in der Politik der EZB. Mit der Bekanntgabe seines Rücktrittsdatums trage Duisenberg dem politischen Umfeld Rechnung und lanciere gleichzeitig seinen Wunschnachfolger.

Kontinuität wichtig

Bei einer jungen Institution wie der EZB sei Kontinuität wichtig. Gleichzeitig schalte sich die EZB mit der Entscheidung selbst in die Nachfolgerfrage ein. Duisenberg mache sich mit der Bekanntgabe auch nicht zur "lahmen Ente", fügte der Chefvolkswirt hinzu. Vielmehr müsse die Entscheidung des EZB-Ratspräsidenten vor dem Hintergrund einer angestrebten Kontinuität, einer politischen Unabhängigkeit sowie einer bleibenden Verhaftung zum Stabilitätspakt gesehen werden.

Stefan Bielmeier (Deutsche Bank Global Markets Research) schloss aus der Terminverkündung, dass es eine Absprache mit den Franzosen über eine vorzeitige Amtsniederlegung gegeben habe. Er hält es nun ebenfalls für wahrscheinlich, dass die Franzosen einen Nachfolger für Duisenberg stellen werden. Der Vertrag von Noyer laufe aus, sagte Bielmeier. Die Entscheidung Duisenbergs ermögliche den Franzosen nun, einen Nachfolger für den EZB-Präsidenten zu stellen. Als mögliche Kandidaten nannte er Jean-Claude Trichet. Dieser müsse sich allerdings erst von seinen Vorwürfen über die Verwicklung in einen Finanzskandal befreien.

Viel diskutiert worden

Stephan Rieke (BHF Bank) begrüßte die Terminfestlegung. In den vergangenen Tagen sei viel über den richtigen Termin für einen Präsidentschaftswechsel diskutiert worden. Diese Frage stehe nun nicht mehr im Raum. Gleichzeitig wertete Rieke die Entscheidung Duisenbergs als "günstige, positive Aussage". Der Ecofin-Rat habe nun bis Juli 2003 und damit genügend Zeit, ohne Druck einen Nachfolger zu benennen.

Für die Franzosen sei mit der Ankündigung eine "goldene Brücke" gebaut worden. Diese hätten nun die Perspektive, einen eigenen Nachfolger für Duisenberg zu benennen und auf die Nachfolge für Noyer zu verzichten. Bei dem zur Debatte stehenden Trichet verwies der Volkswirt ebenfalls auf die ungeklärten Vorwürfe. Insgesamt sei wahrscheinlich ein Kandidat mit politischem Hintergrund akzeptabler als jemand aus der Wirtschaft. Zudem könnten auch andere Länder durchaus einen Kandidaten stellen.

Jörg Krämer von Invesco Asset Management wertete die Entscheidung weniger positiv. Die Bekanntgabe sei zu früh und ungünstig, sagte Krämer. Duisenberg mache sich dadurch zur "lahmen Ente", da nun eher seinem möglichen Nachfolger Beachtung geschenkt werde. Die Franzosen erhielten mit der Entscheidung eindeutig die Möglichkeit, mit Verzicht auf die Nachfolge von Noyer, einen EZB-Präsidenten zu benennen. Gleichzeitig sei Trichet als möglicher Nachfolger aber wegen des anhängigen Gerichtsverfahrens angeschlagen, wodurch eher ein Vakuum in der Nachfolgefrage entstehe.(APA/vwd)

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