Bewaffnet die Einsamen!

7. Februar 2002, 18:40
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"Savoy Grand" aus Großbritannien und ihr stilles, lakonisches Meisterwerk "Burn The Furniture". Epische Breitwand-Songs zwischen Hoffnung und Verzweiflung

"Hold the line/ help me out of a lifelong dive/ headlong into what might have been." Beim Song "The Moving Air", ausgekoppelt aus dem Debüt des britischen Quartetts Savoy Grand, Dirty Pillows aus dem Jahr 2000, handelt es sich nicht nur um eines der ersten Statements einer bald aus marketing-technischen Gründen ausgerufenen Bewegung namens "Quiet Is The New Loud". Im Geleitschutz von so unterschiedlichen Bands wie Low, Turin Brakes, Mogwai, Sigur Ros oder den dieser neuesten Nische der Independent-Szene mit ihrem ersten Album den Namen gebenden The Kings Of Convenience wurde damals auch einer der bemerkenswertesten Songs veröffentlicht, der es je zur Single der Woche im britischen New Musical Express schaffte.

Zwar ist die bewusste Zurücknahme von Tempo, Lautstärke wie auch Ausdruck im Pop nicht gerade etwas Neues - und auch die dramaturgische Reduzierung und die Einführung der sekundenlangen Pause kann man im vergangenen Jahrzehnt schon anhand altvorderer US-Bands wie Souled American oder Lambchop im Country wie auch bei Slint oder Codeine im Rock verzeichnen. Allerdings fühlt sich Graham Langley als Songschreiber von Savoy Grand weniger dem "amerikanischen Fach" der Reduktion verpflichtet als hier, wie er selbst sagt, "zwischen Hoffnung und Verzweiflung" ohne besonders hervorgehobenes Sentiment eine Musik entworfen wird, die in ihrer Ernsthaftigkeit und Komplexität mehr neueren Klassikkomponisten wie Morton Feldman oder Eric Satie verpflichtet ist. John Cage stand mit seinem theoretischen Werk, etwa der programmatischen Textsammlung Silence, ebenso Pate wie gerade auch ein in diesem Zusammenhang, speziell auch von der hohen, beinahe tonlosen Kopfstimme her gesehen unvermeidlicher Landsmann von Langley, der große Mark Hollis.

Der einstige Kopf der britischen Hitparadenstürmer Talk Talk manövrierte sich nach Pop-Erfolgen wie It's A Shame spätestens 1991 mit dem atmosphärisch zwischen britischem 70er-Jahre-Art-Folk der so genannten Camberwell-Szene, Jazz und Ambient bewegenden Talk Talk-Album Laughing Stock ins kommerzielle Aus wie künstlerische Hoch. Nach Jahren in der Versenkung meldete er sich 1998 mit dem zwar von der Kritik hochgelobten selbstbetitelten Meisterwerk Mark Hollis kurzfristig, aber auf dem Markt chancenlos aus der Versenkung zurück. Er muss neben den eklektizistischen Songschmieden von Prefab Sprout in deren leisester Phase als eindeutiger Hauptimpulsgeber von Savoy Grand angesehen werden.

Auf dem neuen Album Burn The Furniture haben Langley und seine hörbar in der Klassik und im Jazz geschulten Begleiter das impressionistische, sanfte und unspektakuläre Element der Band weiter verfeinert. Wir hören ebenso romantisch wie lakonisch zum Vortrag gebrachte Breitwand-Epen, basierend auf minimalen und hingetupften Perkussions- und Beserlschlagzeug-Beats, schmucklose Akkordzerlegungen auf Gitarre, Bass, Vibraphon, Orgel und Piano, sowie gelegentlich ein verhuschtes Streicherensemble. Wie titelt ein programmatischer Song auf Dirty Pillows? "Arm the lonely!" Es sind nicht immer die Lauten stark ...
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 2. 2002)

Von
Christian Schachinger

  • Savoy GrandBurn The Furniture (Glitterhouse/Hoanzl)
    foto: glitterhouse

    Savoy Grand
    Burn The Furniture
    (Glitterhouse/Hoanzl)

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