Wie der reiche Norden Europas den Süden aufkauft

18. Februar 2002, 11:45
posten

Immer mehr Nordländer zieht es nach Italien, Spanien oder Südfrankreich - trotz vieler Proteste und nicht nur zum Nachteil der Länder am Mittelmeer

Hippies nannte man einst die Kids, die, müde des Nordens und dessen Establishments, die Sonne des Mittelmeeres suchten. Ein paar Jahre später waren die, welche die mediterran-chaotische Friedfertigkeit dem Geschäftssinn des Nordens vorzogen, die "Aussteiger". Noch ein wenig später formierten sich die Rotweintrinker nördlich der Alpen zur "Toskanafraktion" innerhalb der Sozialdemokratie.

17. Bundesland Deutschlands

Und kurz darauf waren es schon die deutschen Rentner, die überfallsartig die Balearen eindeutschten, so dass der Abgeordnete der diesbezüglich besonders sensiblen CSU, Dionys Jobst, schon 1994 hatte erklären können, das eben erst wiedervereinigte Deutschland solle doch Mallorca als 17. Bundesland käuflich erwerben.

Schon im Juni des Jahres 1999 hatten die Mallorquinen - die Eingeborenen - einen ersten Vorgeschmack darauf. Thomas Gottschalk rief zu seiner Fernsehshow in die Stierkampfarena von Palma. Geladen waren freilich nur solche, die aus Deutschland angereist waren. Eine Bürgerinitiative - wohl nicht zufällig angeführt von einem Italiener - rief zur Reconquista der Arena. Und das alles ist so sehr der Ausdruck einer kontinentweiten Skepsis gegenüber der europäischen Kultur, dass es völlig den Blick darauf verstellt, worum es dabei eigentlich geht.

Kontinent der Regionen

Denn eigentlich und im Grunde geht es darum, ob und in welchem Ausmaß das allmählich wirklich zum Staat sich formierende Europa die eigene Verfassung - die fundamentalen Freizügigkeiten des Verkehrs von Waren, Finanzen und Personen - ernst zu nehmen gewillt ist. Bemerkenswerterweise wird die Debatte darüber aber stets als eine kultur- und zivilisationskritische abgeführt. Man beschwört einen Kontinent der Regionen, in denen die jeweiligen Identitäten das Sagen und gegen zentralistische Gleichmacherei zu bestehen haben. Das war und ist in Tirol nicht anders als momentan in Ungarn. Und aus gegebenem Anlass am allermeisten an den Mittelmeerküsten der Europäischen Union.

Mallorca den Mallorquinen

heißt es zum Beispiel auf den Balearen. Eine veritable Professorin der Sozialpsychologie etwa scheute sich nicht, ein T-Shirt herstellen zu lassen mit der Aufschrift: "Ich bin von oben bis unten Mallorquiner, gemischt von Arabern, Juden und Katalanen. Ich verkaufe mich nicht, mein Land auch nicht, und damit Schluss." Und wen das an die Parole "Österreich zuerst" erinnert, der liegt wohl nicht ganz falsch.

Deutsche Kolonien

Rund 70.000 Deutsche, so schätzt man, besitzen Grund, Boden und Haus auf den balearischen Inseln. Auch am Festland entstanden Kolonien, etwa - im Gefolge britischer Aspirationen - an der Costa del Sol. Im Dorf Torrox Costa etwa, nicht weit von Torremolinos entfernt, sind 90 Prozent der Einwohner Deutsche. In ganz Spanien, auch das eine grobe Schätzung, lebt eine halbe Million. Einer Umfrage der deutschen Bausparkassen zufolge gibt es im Mutterland weitere 300.000 Emigrationswillige.

Das Wunschland der meisten ist Spanien

Aber die Emigranten zieht es auch nach Südfrankreich und Italien. Ins ligurische Dolcedo zum Beispiel. Die allgemeine Landflucht hat das kleine Dorf in den 70er-Jahren beinahe entvölkert. Jetzt nennt es der Volksmund "Deutschesco", die Tedeschi stellen die Mehrheit der Hausbesitzer. Mittlerweile gibt es auch einschlägige Ratgeber für Emigranten. Im Vorjahr erschien das Buch "Das eigene Haus im Süden. 1000 Tips zum Immobilienkauf am Mittelmeer".

Die ökonomischen Konsequenzen sind dramatisch

Die Immobilienpreise orientieren sich am deutschen Einkommensniveau und erreichen astronomische Höhen. Nicht nur die alten spanischen Herrenhäuser der Großgrundbesitzer, die fincas, sind unerschwinglich geworden für normalsterbliche Eingeborene. Mittlerweile, so hört man, interessieren sich nordländische Geldsäcke auch für stinknormale Wohnungen in der mallorquinischen Hauptstadt Palma. Die Währungsumstellung trug das ihre zum Boom bei, denn ein Gutteil dieser Investitionen erfolgte über Schwarzgeldkonten, mit denen der Wechsel zum Euro umgangen werden sollte.

Andererseits ist der "Ausverkauf der Heimat" ein mächtiger ökonomischer Impuls. Der durchschnittliche Mallorquiner verdient rund 13.000 Euro im Jahr, das ist das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen Spaniens nach dem Zentralraum von Madrid. Das Wachstum auf den Inseln lag in den vergangenen Jahren bei fünf Prozent.

"Kärnten kann ich mir nicht leisten"

Da kann nicht jeder mit. Wie überall, so gibt es auch hier Verlierer der ökonomischen Dynamik. Nur: Was hat das mit "kultureller Identität" zu tun? Nicht nur, aber vor allem an den europäischen Mittelmeerküsten wird sich das Schicksal des neuen Europa entscheiden. Denn das hängt im Grunde davon ab, ob sich ökonomische Debatten weiterhin an den alten, nationalen Sentiments ausrichten. An der hochgeredeten Angst, "umgevolkt" zu werden. Einer der ersten Neubürger Mallorcas war Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky. Irgendwann einmal hat ein Journalist ihn darauf angesprochen. Warum er denn seinen Urlaub nicht in Österreich verbringe, wollte er wissen. Und der Kanzler brummte, geradezu visionär: "Kärnten kann ich mir nicht leisten." (Der Standard | Rondo | Wolfgang Weisgram)

Share if you care.