Wien zu zweit

13. Februar 2002, 13:33
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Auf Abenteuersuche durch die Hauptstadt - eine Anleitung zu einer Art Geländespiel und einige Anregungen für Bewohner und Besucher

Zwei Klimaschleusen trennen eine exotische Mikrowelt vom grauen Wiener Februarnebel. Das Palmenhaus im Burggarten: tropische Feuchte bei 30 Grad Celsius, Orchideen, Schlinggewächse, Wasserfälle. Und dreihundert Schmetterlinge aller Größen und Farben. Der orange-schwarze Monarch aus Australien, Heliconius charitonia aus Südamerika, gut getarnt, wie Sonnenstrahlen auf dunklem Regenwaldgrund, der zitronenfarbene Phoebus philea von der Karibik und und und . . .

Poetische Märchenwelt

Auf dünnen Holzstangen hängen Dutzende von Schmetterlingspuppen. Noch schlüpfen nur wenige, ab März werden es immer mehr, dann wird das tropische Biotop zu einer poetischen Märchenwelt, der sich selbst hartgesottene Rationalisten nur schwer entziehen können. Mitten in der Wiener Innenstadt liefert dieses kleine Wunder den Beweis, dass Abenteuer auch vor der Haustür liegen, sofern man sich auf sie einlässt.

In zwölf Folgen wurden an dieser Stelle "Wochenenden, die sich lohnen" vorgestellt, Kurzreisen zu Zielen in und um Österreich, die Überraschung, Erlebnis und Freude bereiten sollten, auch wenn sie gelegentlich mit einiger Anstrengung verbunden waren. An den Abschluss dieser einjährigen RONDO-Serie sei nun ein Spiel für ein Wochenende in Wien gestellt, bei dem es um das Entdecken von Ungewohntem in der eigenen Stadt geht, aber auch darum, Entdecktes oder noch Unentdecktes mit jemandem anderen zu teilen.

Die Regeln des Spiels

Zwei Personen denken sich - jede für sich - Dinge aus, die sie miteinander erleben möchten, weil sie sie noch nie miteinander erlebt haben. Das Los entscheidet, wer beginnt, dann ist der andere dran, dann wieder der erste. Und so fort, von Freitagmittag bis Sonntagnacht.

Ein paar ganz unterschiedliche Vorschläge

Ein Heimatfilm im Bellaria-Kino, Austernessen am Naschmarkt, mit dem Tandem über die Donauinsel (Vorsicht, kann Beziehungskrisen hervorrufen!), am Sonntag um 7 Uhr früh zwanzig Längen Schwimmen im Stadthallenbad mit anschließendem Frühstück im Café Weidinger am Gürtel, im Sommer ein Sonnenbad im "Konge", dem wunderschönen Kongressbad mit Arbeiterkultur-Vergangenheit in Ottakring, jetzt im Winter Eislaufen vor dem Rathaus. Der Prater ist immer für Ziele gut, vielleicht eine Fahrt mit der Geisterbahn oder dem alten, hölzernen Toboggan (sobald dieser, hoffentlich bald, restauriert ist) oder ein schräger Tanzabend im "Holländerschiff" (ab 2. März wieder offen).

Apropos Tanzen

Dabei sollten der Fantasie keine Grenzen gesetzt, vom Clubbing im Volksgarten bis zur Boogie-Woogie-Night im "Prince Charles" in Hernals. Und soll's ein Heuriger abseits vom Grinzing-Klischee sein, so empfiehlt sich unbedingt der Taschler (Tel. 01 / 367 82 20), Sieveringer Straße 170, bei der Endstation des 39 A. Zu den Spielregeln sollte überhaupt gehören, dass die Ziele mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind.

Die Vorbereitungen

Schon die Vorbereitungen sind Teil des Spiels. Freunde können zu Rate gezogen, Stadtführer studiert werden, Öffnungszeiten sind zu recherchieren. Das Spiel sollte Rhythmus haben, Anfang und Schluss, Höhepunkte und Entspannungen sollten bedacht werden. Und das alles unter größter Geheimhaltung vor dem Partner.

Das Spiel kann ohne besonderen Anlass gespielt werden, denkwürdiger wird es allerdings, wenn es einem Ereignis gewidmet ist. Dem Jahrestag einer Beziehung beispielsweise oder gemeinsam gefeierten Geburtstagen. Im hier beschriebenen Fall war der Anlass eine Silberne Hochzeit.

Samstag, kurz nach 13 Uhr, Tiefer Graben, Hotel Orient, Rezeption

Das Ziel war - wie übrigens auch eine Kaffeejause auf dem Donauturm und Tretbootfahren auf der Alten Donau - bei beiden auf der Liste gewesen. Er war an der Reihe, sie hatte besser recherchiert. Mit allen Fingern der rechten Hand signalisierte sie ihm die Nummer fünf. "Können wir das Zimmer Nummer fünf haben?" "Das Fünferzimmer muss man vorbestellen, das ist für zwei Uhr reserviert." "Aber das sind ja noch fünfzig Minuten." "Wenn das reicht. Herta, a Flaschen Sekt aufs Fünferzimmer, die Herrschaften haben's eilig."

Das Fünferzimmer, das "Orientalische", ist ein Ort wie aus Tausendundeiner Nacht, mit tiefen Teppichen, weichen Pfühlen, einem Deckenspiegel über dem Riesenbett und einer Badewanne für zwei. Es sei ausdrücklich Selbstbewussten empfohlen, die damit ihren Partner oder ihre Partnerin überraschen und ein wenig verwirren können (Tel. 01 / 533 73 07).

Begegnung mit der Vergänglichkeit

Überraschung und ein wenig Verwirrung, Spannung, Freude und Spaß sollten jedes Spiel ausmachen. Aber auch der Ernst darf nicht ganz fehlen. Was wäre ein Wien-Spiel, das den Gedanken an das Vergängliche, den Tod ganz ausklammert? Ihm lässt sich nicht nur auf dem Zentralfriedhof, der so groß wie die ganze Wiener Innenstadt ist, nachhängen, sondern besser noch auf dem biedermeierlichen St. Marxer Friedhof, dem alten Israelitischen beim Währinger Park - einem der vielen Denkmäler des jüdischen Wien - oder dem Friedhof der Namenlosen beim Alberner Hafen.

Bestattungsmuseum

Die überraschendste Begegnung mit der Vergänglichkeit vermittelt aber eine der kuriosesten Institutionen Wiens, das Bestattungsmuseum, Goldegggasse 19, im vierten Gemeindebezirk, das allerdings nur von Montag bis Freitag (Führung um 14 h) und nur nach telefonischer Vereinbarung (Tel. 01 / 501 95 / 0) besucht werden kann. Hier erfährt man alles über die Prunkleichenwägen der Habsburger, über kuriose Bestattungsmethoden, die Konsistenz der Asche des Wiener Krematoriums im Unterschied zu der von Paris, und warum der Platz einer Urne der Friedhof und nicht die Wohnung der Hinterbliebenen ist: Weil auch die Hinterbliebenen sterben, und die Urne dann, wie der Museumsführer eindringlich warnt, irgendwann einmal im Coloniakübel landet. (Der Standard | Rondo | Horst Christoph)

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