Aussteigen für Einsteiger

12. Mai 2005, 10:02
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Die spanische Costa Blanca ist die größte europäische Kolonie. Ins Rentnerparadies kommen nun immer mehr jüngere Auswanderer

Im "Freundeskreis Harmonie" in Albir bieten Renate und Horst Euro-Bingo zum "Eingewöhnen an die neue Währung", in der Asociación Social Internacional in La Marina wird mittwochs Skat gespielt, und der Karnevalsklub Calpe feiert gerade seinen 20. Geburtstag. Es ist Winter an der Costa Blanca, vielerorts stehen die riesigen Apartmenthäuser an den Stränden leer. Auf den Hügeln hinter den Strandklötzen, in Richtung Berge, die sich wenige Kilometer von der Küste ein paar Hundert Meter hoch erheben, blühen jetzt die Mandelbäume. Und in den zahllosen Siedlungen zwischen Meer und Sierra leben die meisten jener Ausländer, die wissen, dass diese Jahreszeit zu den schönsten gehört: Deutsche, Briten, Schweizer, Belgier, Norweger, Schweden, ein paar Österreicher.

Größte Kolonie europäischer Auswanderer

Einige Hunderttausend Ausländer haben die Costa Blanca, die spanische Küste zwischen Valencia und Cartagena, für sich entdeckt. Allein 60.000 deutschsprachige Bewohner sind hier offiziell mit Hauptwohnsitz registriert, und noch viel mehr verbringen einen Großteil des Jahres hier, ohne sich den Weg aufs Meldeamt anzutun. So ist die Weiße Küste heute die größte Kolonie europäischer Auswanderer in Europa, eine Art Little Europe.

Der Ruf der Immigranten ist nicht der beste. Vor allem die Engländer und die Deutschen, meist Rentner, wundern sich Einheimische oft, zeigten kein Interesse an Sprache und Kultur der zweiten Heimat. Das ist nur logisch: Viele von ihnen sind eigentlich nicht nach Spanien ausgewandert, sondern vielmehr an die Küste, in ein angenehmes Klima. Und hier will man unter sich bleiben - je nach Herkunft -, Skat oder Bridge spielen, man geht zum schweizerischen Zahnarzt, kauft beim belgischen Fernsehtechniker oder besucht das Oktoberfest in Calpe. Die Costa Blanca ist "das Ausland für Deutsche, Schweizer und Österreicher, die es nicht wagen, ins Ausland zu gehen", konstatierte einmal eine deutsche Kolumnistin.

Die Salzburgerin Susanne gehört keinem Verein an. Vor zwei Jahren beschlossen sie und ihr Mann auszuwandern, eine Woche Urlaub in Benissa an der Costa Blanca genügte als Entscheidungshilfe. Sie übersiedelten mit dem damals achtjährigen Sohn - ohne Job und ohne Spanischkenntnisse. "Die Zeit, als wir Boden fassen mussten, war hart", erzählt die 36-Jährige heute. Ihr Mann machte schließlich eine Tätowierausbildung und eröffnete nun einen Laden, sie selbst arbeitet bei einer Zeitung. Und Sohn Rafael spricht mittlerweile nicht nur perfekt Spanisch, sondern auch das regionale Valencian.

Susannes Familie gehört zu einer neuen Generation von Ausländern an der Küste - junge Menschen, die an die Costa Blanca wollen, um sich hier eine Existenz aufzubauen, zu arbeiten und sich zu integrieren. Noch sind die Pensionisten in der Überzahl, aber die Zuzügler werden jünger.

Zu Zeiten des Franco-Regimes waren Spanien und seine Küste zunächst ein beliebter Zufluchtsort von Nazis und Faschisten, so führte etwa der Mussolini-Befreier Skorzeny in Dénia an der nördlichen Costa Blanca bis zu seinem Tod im Jahre 1975 ein Immobilienbüro. Vor etwa dreißig Jahren erlebte die Küste einen ersten Boom als zweite Heimat klimaverdrossener Mittel- und Nordeuropäer. Die Bau-und Erschließungsgesellschaften teilten sich den Markt Europa auf, so ist heute ein Großteil der Bevölkerung von Alfáz del Pí norwegisch, die meisten Österreicher verschlug es an die südliche Costa Blanca, nach Torrevieja. In den 90er-Jahren kam es neuerlich zu einem Zuwanderungsboom an der Küste, so lebten in Torrevieja noch 1991 13.000 Einwohner, heute sind es 50.000.

Calpe, einst ein armes Fischerdorf, ist heute ein wohlhabender Küstenort mit 15.000 Einwohnern und 46.000 Gästebetten, die letzten freien Flecken entlang des kilometerlangen Strandes wurden in den vergangenen Jahren zubetoniert. Nieves gründete hier vor drei Jahren eine Sprachschule - Spanisch für Ausländer und Englisch für spanische Schulkinder. Dass es der Schule gut geht, verdankt sie vor allem den spanischen Schülern. Nieves Nachbar ist Engländer, seit 20 Jahren genießt er das Klima an der Costa Blanca. Sein einheimischer Wortschatz ist rasch erschöpft - "Buenos días", Guten Morgen, grüßt er sie freundlich von morgens bis spätnachts. Nieves Kollegin kommt aus St. Gallen. 1991 beaufsichtigte Cosima lieber die Bauarbeiten am Haus ihrer Eltern an der Costa Blanca, als heim in die Schweiz zu fahren. 1992 machte sie ein Diplom als Lehrerin, ihr Sohn geht seit kurzem in die Vorschule, mit Kindern aus Schweden, Deutschland, Großbritannien und Spanien. "In den Schulen sieht man", meint sie, "dass nun viele jüngere Leute aus dem Ausland hierher kommen." Cosima möchte hier bleiben und meint: "Calpe ist zwar ein Touristendorf, aber es hat eine Altstadt, und die ist spanisch."

Anderen macht das Flair einer europäischen Kolonie mehr Probleme. So möchte Susanne mit ihrer Familie später weiterziehen, weiter hinein ins richtige Spanien. Nach Benissa zu gehen sei trotzdem die richtige Entscheidung gewesen: "Die Costa Blanca ist ein guter Anfang." (Der Standard | Rondo | Renée Lugschitz)

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