Post aus Prinzendorf: "Bitte nicht immer so zerreißen!"

6. Februar 2002, 22:44
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Nun hält auch Hermann Nitsch den Umgang des STANDARD mit dem Aktionismus für nicht würdig

Und siehe, am Tag nach Erscheinen einer Widerrede von Günter Brus ("pubertärer Unflat", 4. 2.) auf Markus Mittringers Artikel zur Schwarzkogler-Hommage der Galerie Krinzinger ("Der Überdruss am Seinstaumel", 30. 1.) verkündete auch Hermann Nitsch, dass der Umgang des STANDARD mit dem Aktionismus nicht würdig sei und also ein weiterer Brief kommen werde, den Vatermord zu strafen. Und so geschah es:


Es ist klar, dass ein Kritiker seine Überzeugung und Meinung äußern soll. Dabei müsste aber ein bestimmter Ernst vorherrschen. Mir ist lieber ein verbissener, ernst gemeinter Irrtum als Seichtheit, Oberflächlichkeit, Kenntnislosigkeit, mangelnde Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaftslosigkeit.

Der Feuilletonschreiber Markus Mittringer fällt uns schon seit Jahren auf. Er drückt den Kulturteil des STANDARD auf ein niedriges Niveau, bringt modisches, selbstverliebtes Gewitzel, zielt an den wesentlichen Sachen vorbei. Ansonsten ist er Parteigänger jener Kunst, die abgeflacht, domestiziert, neoakademisch, systembestätigend ist. Er ist nicht Anwalt der Intensität, sondern laues Sichbehagen in unserer flachen Gesellschaft ist sein Weltverständnis.

Wir glauben an eine Kunst, die trotz angebrachter Heiterkeit und Humor eine zutiefst wesentliche und ernste Angelegenheit ist. Wir haben bewiesen, dass hoher Einsatz uns unsere Auseinandersetzung wert war. Kunst ist ein Entwurf der Natur ins Zukünftige, daher ist es möglich, dass Kunst auf den Rezipienten ästhetisch durch die Form wirkt. Das positive Wahrnehmen der Form bestätigt den auf unseren Strukturen des Werdens laufenden geglückten Entwurf. Kunst demonstriert das Werden, welches permanente Veränderung ist und nicht statisches, unverantwortliches Verweilen.

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Galerie Krinzinger, welches mit einer Schwarzkogler-Ausstellung ausgetragen wurde, und einer parodistischen Ausstellung über Wiener Aktionismus in der Galerie König hat sich Markus Mittringer schwer vergriffen. Unsachlich, unter der Gürtellinie macht er bestehende Leistungen und Werte, die gesetzt wurden, voll Ignoranz herunter, ohne sie je nach ihrem Wesen begriffen zu haben. Gegen Parodien gibt es nichts einzuwenden. Sind sie doch Ausdruck dessen, dass eine bestimmte Leistung Gewicht genug hat, um parodiert zu werden.

Den Vatermord, den Mittringer schamlos anstrebt, habe ich mir anders und gewichtiger vorgestellt. Bei Mittringer wird selbst der Vatermord zur Operette. Warum dann die Aufregung? Weil es schade ist, dass eine doch vielerseits angesehene Zeitung ihre Leser falsch und unzureichend informiert. Eine Kunstrichtung, die noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten ist, die es immer schwer hatte und hat, wird diffamiert. Im Allgemeinen wurden wir bisher von konservativen Uninformierten, die sich scheuten, in den Spiegel zu schauen, angegriffen. Umso trauriger ist es, dass uns nun Jüngere angreifen.

Merkwürdig ist, dass der Erfolg, der sich langsam bei uns einstellt, als negativ umgewertet wird. Ich habe nie geleugnet, dass ich wollte, dass sich meine Arbeit durchsetzt. Wir haben uns an den Rand des Erlebbaren gewagt, haben uns radikal mit dem Tragischen, mit dem Tod, mit der Natur unserer Triebhaftigkeit auseinander gesetzt. Die Beschäftigung mit dem Mythos, mit großen Zusammenhängen, die philosophisch beschaubar sind, war unsere Abwendung von der Belanglosigkeit des Zeitgeistes.

Zwei Weltkriege haben uns gelehrt, das Wesentliche und nicht das Unwesentliche zu suchen. Die Schöpfung, das Leben ist ein Abenteuer voll von Gegensätzen und Dynamik. Die Wahrheit wollen wir durch unsere Kunst demonstrieren. Ich möchte Leben, Tod und Auferstehung zeigen, Qual und extreme Freude. Alle Aktionisten wollten Ausdruckskunst. Unsere Vorbilder erkannten wir "ernste Männer" in ebenso ernsten Männern wie Klimt, Schiele, Kokoschka, Gerstl, Freud, Trakl, Musil, Schönberg, Berg, Webern, Wittgenstein und so weiter.

Anlässlich einer Audienz, die der Kaiser Bruckner gab, fragte der Kaiser Bruckner, wie er ihm helfen könne. Bruckner bat den Kaiser, Kritiker Hanslick zu sagen, er solle ihn nicht immer so verreißen. Ähnlich naiv bitte ich den STANDARD, über den Fall Mittringer nachzudenken.
Hermann Nitsch
Schloss Prinzendorf, 5. 2.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 2. 2002; ein 'Kommentar der Anderen')

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