Kafka-Manuskripte werden fotografisch dokumentiert

6. Februar 2002, 19:54
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Monatelanger Streit um Verfahrensweise war dem Beschluss voraus gegangen

Gießen/Essen- Der monatelange Streit zwischen dem Frankfurter Stroemfeld Verlag und dem Gießener Germanisten Prof. Gerhard Kurz über die fotografische Dokumentation sämtlicher Handschriften des Schriftstellers Frank Kafka (1883-1924) ist beigelegt. "Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir die Reihenfolge der Verfilmung absprechen", sagte der Herausgeber der Frankfurter Kafka-Edition, Roland Reuß, am Mittwoch. So sollten als nächstes Oktavhefte fotografiert werden, in die Kafka mit Bleistift hineingeschrieben habe. "Es kommen die dran, die es am nötigsten haben."

Der Gießener Germanist Kurz und die Universität Wuppertal wollen mit Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen sämtliche Kafka-Handschriften fotografieren und als Faksimile herausgeben. Der Stroemfeld Verlag sah deshalb die Finanzierung für seine eigene, 1995 begonnene Frankfurter Kafka- Ausgabe (FKA) erschwert. Die FKA ist nach Darstellung des Herausgebers ohne jeden öffentlichen Zuschuss "aus Privatvermögen" finanziert worden. "Inzwischen ist aber der Verdacht ausgeräumt, dass sich der Antrag von Herrn Kurz gegen unsere Reproduktion gerichtet hat", sagte Reuß.

Modalitäten

Der Verlag und die Gießener Universität haben sich nach Darstellung von Reuß auch darauf geeinigt, dass die in einer Oxforder Bibliothek verfilmten Kafka-Handschriften zunächst in Heidelberg zwischengelagert und dem Stroemfeld Verlag zugänglich gemacht werden. Der Herausgeber arbeitet in Heidelberg. Kurz will vier komplette Sätze der Kafka-Handschriften in den Bibliotheken in Oxford, Marbach, Prag und Jerusalem fotografieren und den jeweils anderen zur Verfügung stellen. "Dass die Filme in Heidelberg zwischendeponiert werden, ist eine salomonische Lösung - die Stiftung hat darauf gedrungen, dass unsere Ausgabe keinen Schaden erleidet", sagte Reuß. Die Universitäten planen eine Veröffentlichung der Faksimiles im Jahr 2004.

Die Frankfurter Kafka-Ausgabe drohte Mitte der 90er Jahre daran zu scheitern, dass der Verlag nicht an die Manuskripte in einer Oxforder Bibliothek kam. Deren früherer Kurator Malcolm Pasley verwehrte dem Frankfurter Verlag den Zugang. Stroemfeld vermutete dahinter Konkurrenzdenken, weil Pasley Mitherausgeber einer konkurrierenden Kafka-Ausgabe im Frankfurter S. Fischer Verlag war. Nach langem, bundesweit Aufsehen erregenden Streit stimmten schließlich die Erben Kafkas der Veröffentlichung bei Stroemfeld zu. Inzwischen liegen Faksimile-Editionen von "Der Process" (1997), "Beschreibung eines Kampfes" (1999) und die "Oxforder Quarthefte 1&2" (2001) vor. (APA/dpa)

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