Terror und Armut

6. Februar 2002, 19:48
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Von Gerhard Plott

Spätestens seit dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1999 verschärfen sich in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas, die Konflikte zwischen den Völkern, eine unerhörte Welle der Gewalt rollt durch das Land. Auf den ersten Blick scheinen die blutigen Unruhen religiös oder ethnisch motiviert zu sein; doch das ist nur die halbe Wahrheit: Die Menschen kämpfen um ein besseres Leben, um Perspektiven für die Zukunft. Die Bevölkerung des an sich reichen Ölstaates verarmt zunehmend. Immer weniger Nigerianer haben die Chance, sich zu bilden. Immer mehr frustrierte, arbeitslose Jugendliche dominieren die Unterschicht in den Städten. Es genügt ein verheerendes Unglück wie die Explosion eines Munitionsdepots in Lagos, und schon gerät das Land an den Rand eines Bürgerkriegs, und Putschgerüchte werden laut.

Viele muslimische Jugendliche werden von ihren traditionellen oder religiösen Führern aufgehetzt, von denen etliche offen mit Osama Bin Laden sympathisieren. Erst vor wenigen Tagen nahm die nigerianische Polizei zehn pakistanische Prediger fest, die zu Gewalt und Terror gegen die Regierung und die USA aufriefen. Die durchschnittlich besser gebildeten und geschäftstreibenden Christen verteidigen ihre Besitztümer mit aller Gewalt gegen die Muslime, die Auseinandersetzungen bekommen meist eine tödliche Dynamik. Besonders an der Scharia - dem islamischen Recht, das Anfang 2000 in zwölf der 36 Bundesstaaten offiziell eingeführt wurde - entzünden sich nun permanent Konflikte, obwohl die Muslime in diesen Bundesstaaten seit Jahrhunderten nach ihrem Rechtssystem leben.

Der britische Premier Tony Blair hat Recht, wenn er vor neuem Terror warnt, der seinen Ursprung in der nackten Armut der Dritten Welt hat. Ausweglose Armut erzeugt Fanatismus, Fanatismus führt zur Unmenschlichkeit, und diese mündet oft im Terror. Nigeria entwickelt sich langsam in diese Richtung.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2002)
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