Wenn Literatur uns zu Tränen rührt, dann ...

6. Februar 2002, 20:33
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Marcel Reich-Ranicki und seine Solo-Show: Endlich kein Dazwischenreden!

Foto: APA/dpa/Jens Kalaene
Marcel Reich-Ranicki, der möglicherweise meiste Literaturkritiker des deutschsprachigen Raums, hat nach dem Aus des "Literarischen Quartetts" endlich eine Fernsehsendung bekommen, bei der ihm niemand mehr dazwischenredet. Schwindlig ist dem Zuschauer zwischen Thomas Mann, Thomas Mann, Günter Grass und, ach ja, Thomas Mann trotzdem geworden.

Ein Gedächtnisprotokoll als Trauerarbeit von Christian Schachinger .


Wenn man einen reden lässt, dann redet er sich kaputt. Geredet aber muss werden - und Bildungshuberei passt eigentlich immer. Nehmen wir Martin Page und Antoine oder die Idiotie, und daraus ein Zitat mit turbogepropptem Bildungsvorsprung, weil das Buch erst ab 20. März im Handel ist und sich dann eh kein Schwein mehr erinnern kann, ob man damit schon jetzt nicht Recht gehabt hat:

"Schon immer hatte Antoine den Eindruck, steinalt zu sein. Als er sieben war, fühlte er sich ausgelaugt wie ein alter Mann. Mit elf hatte er bereits alle Enttäuschungen eines Greises von siebenundsiebzig erlebt. Jetzt, mit fünfundzwanzig und in der Hoffnung auf ein etwas angenehmeres Leben, entschloß er sich das Leichentuch der Idiotie über sein Haupt zu werfen."

Idiotie, Kaspar Hauser. Durchaus nachvollziehbar das: Den neuen Peter Handke, ich habe ihn nicht gelesen! Das Buch ist mir zu dick! Wo waren wir gerade im Text? Nehmen wir einfach das Leiden. Das Leiden des jungen Werther, den wir so unendlich schätzen! Wenn mich Literatur zu Tränen rührt, ist es große Literatur!

Verfehlen wir das Thema weiter, Sendezeit wie Zeitungsseiten wollen schließlich gefüllt werden; fahren wir mit dem Eingangszitat fort, nicht ohne vorher über den großartigen Dichter Thomas Mann zu sprechen, über den unser heutiger Held übrigens das Buch Thomas Mann und die Seinen geschrieben hat, das in der Gefolgschaft des jüngst gesendeten TV-Dreiteilers Die Manns zehntausend Exemplare extra verkauft hat: Aber das nur nebenbei!

Über die Verfilmung mag Marcel Reich-Ranicki - damit der Name des größten, ersten und geistreichsten Literaturkritikers eines Jahrhunderts mit abgelaufenem Datum endlich genannt wird - heute aber kein Wort verlieren: "Dazu habe ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon alles gesagt! Vielleicht nur so viel: Thomas Mann war schwul. Und trotzdem: groß, ja, großartig!

Ab diesem Zeitpunkt gilt für die Seher ein geflügeltes Wort Christian Buddenbrooks: "Ich kann es nun nicht mehr."

Weiter also mit dem Eingangszitat, und nicht verzagen, das fügt sich schon alles noch zusammen. Irgendwie. Vielleicht. Egal. Das ist ohnehin nur die erste von jährlich geplanten neun Reich-Ranicki-Solo-Shows im ZDF.

Wo waren wir? Ach ja, Antoine, wir erinnern uns, hat gerade beschlossen, sich "das Leichentuch der Idiotie über sein Haupt zu werfen". Gehen wir in die Fortsetzung: "Allzuoft hatte er feststellen müssen, daß das Wort Intelligenz wohlkonstruierte, fröhlich herausgeplärrte Dummheiten beschreibt und derart mißbräuchlich eingesetzt wird, daß es oft vorteilhafter ist, als Idiot herumzulaufen, denn als vereidigter Intellektueller. Intelligenz macht unglücklich, einsam und arm, während die bloße Maske der Intelligenz einem Menschen die Unsterblichkeit zumindest auf Zeitungspapier einbringt und womöglich noch die Bewunderung derer, die an das glauben, was sie lesen."

Jeder große, nein, großartige Autor wird nach so schwerem Geschütz jetzt das Tempo ein wenig drosseln. Spielen wir Robert Schumanns Klavierwerk Karneval zu: Robert Schumann steht mir nahe wie nur wenige Komponisten!

Doppelter Boden!

Schippern wir dazu mit Günter Grass auf dem bald versenkt werdenden Passagierschiff Wilhelm Gustloff in den Sonnenuntergang des Abendlandes: Erzählen heißt mit doppeltem Boden arbeiten! Von wegen, Wasser hat keine Balken! Der von Reich-Ranicki oft geschmähte Schriftsteller hat mit seinem neuen Roman Im Krebsgang nichts weniger als ein ergreifendes, ja, erschütterndes Buch geschrieben, einen maritimen Todestanz: Das Schiff symbolisiert das III. Reich! Von dort nach Auschwitz ist es nicht mehr weit: Auschwitz war aber viel ärger, dies nur am Rande! Was Auschwitz betrifft, braucht man Grass nicht zu belehren!

Schubert und Beethoven. Immer wieder Thomas Mann. Philipp Roth. Georg Büchner? In meiner Jugend ein begabter Autor! Schließlich Carl Zuckmayer: Er schrieb für den US-Geheimdienst ungeheure, fabelhafte Prosa!

Heute in der Sendung überhaupt nur lauter fabelhafte Bücher! Vielleicht beginnt ein neuer Abschnitt, eine neue Blüteperiode! Blüteperiode, Durchhalteparole. Das Publikum im Fernsehstudio wirkt beklommen. Reich-Ranicki Solo. Doppelter Boden, keine Balken. An diesem Text ist übrigens etwas faul. Teile davon sind frei erfunden. Man sagt ja nichts, man redet ja nur.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 2. 2002)

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