"Groß ändern kann Stoiber auch nichts"

6. Februar 2002, 19:28
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Die erste Wahlkampftour führt Edmund Stoiber nach Neubrandenburg

"Der Stoiber, der hat bei uns schlechte Karten", meint Walter Schober. Warum? Gegenfrage: "Kommen Sie von drüben?" Als aufgrund der Sprachfärbung klar ist, dass kein "Wessi" vor ihm steht, kommt der Kioskbesitzer zur Sache: "Das mit dem Solidarpakt vergisst hier niemand."

Dass der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber gegen den Finanzausgleich gestimmt hat, durch den die neuen Bundesländer profitieren, tragen ihm Schober und seine Kunden, die sich in das Gespräch im Neubrandenburger Zentrum einmischen, nach. Dass die Wessis hierher gekommen seien zum Abwickeln der Firmen, klagen sie, dass sogar die Bundeswehr ihre Reparaturwerkstätte für Panzer "nach drüben geschafft" habe. Dass sich Bayern als "was Besseres fühlen".

Schober erzählt, er sei nach 34 Jahren als Busfahrer entlassen worden, habe den Kiosk aufgebaut. Kein Politiker habe viel für die Region getan, meint der 59-Jährige. "Dabei habe ich bisher immer CDU gewählt, weil ich christlich bin." Ob der diesmal wegen Stoiber CDU wähle? "Vielleicht gerade deshalb nicht."

Fünf Kilometer weiter spricht Michael Spreng, Stoibers Wahlkampfberater, ein ums andere Mal in die Kameras: Stoiber wolle in den neuen Bundesländern "Vorurteile abbauen, sich informieren und keine Patentrezepte anbieten". Als Stoiber mit einem kleinen Privatjet auf dem Flughafen eintrifft, richten sich insgesamt 49 TV-Kameras auf ihn, rund 130 Journalisten begleiten ihn in die nahe gelegene Halle der Firma Ostmecklenburgische Flugzeugbau. 60 Mitarbeiter sind hier in der Produktion von Leichtbauflugzeugen beschäftigt. Das Ziel ist es, in den nächsten Jahren auf bis zu 150 Mitarbeiter aufzustocken: ein echter Vorzeigebetrieb, den der Westdeutsche Matthias Stinnes aufgebaut hat.

Der Kandidat nimmt sich eine halbe Stunde Zeit, um mit der Firmenleitung zu sprechen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dann werden zwei Arbeiter vor einem Flugzeug ins Rampenlicht geschoben, die mit hochrotem Kopf das Arbeitsklima loben. Nach minutenlangem Händeschütteln für die Kameras - geschickt vor dem Propeller inszeniert - setzt sich Stoiber noch einmal in eine Maschine und nimmt einmal kurz den Steuerknüppel in die Hand.

Dass er es besser kann, wenn er einmal am Ruder ist, davon versucht Stoiber die Arbeiter zu überzeugen: "Das Wichtigste, was wir brauchen, ist eine bessere Stimmung." Als Projekte, die er angehen wolle, nennt Stoiber die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Förderung von Existenzgründungen und den Abbau von Bürokratie. Als eine Journalistin dazwischenruft, was er konkret tun wolle, nützt dies Stoiber zu einem Seitenhieb gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder: "Ein Genosse der Bosse, dessen Herz nicht für den Mittelstand schlägt, ist nicht der Mann für die Wirtschaft."

Aber ob Stoiber der geeignete Mann fürs Kanzleramt ist, daran hat Steffen Schulz, der aufmerksam zugehört hat, seine Zweifel. Der 24-Jährige hat nach einer Umschulung als Flugzeugmechaniker Arbeit gefunden. "Groß ändern kann Stoiber auch nichts."

Ganz anders ist die Stimmung bei der Tollense Fahrzeugbaugesellschaft. Zu DDR-Zeiten waren in dem Betrieb 600 Mitarbeiter beschäftigt, inzwischen sind es nur noch 70. Im Mai des Vorjahres wurde das Insolvenzverfahren eingeleitet. "Schlechter kann es nicht mehr werden. Soll es doch ein anderer versuchen", meint der Mechaniker Lars Nauff. "Das ist ja schon was", meint Stoiber und schüttelt ihm lachend die Hände.

(DER STANDARD, Printausgae, 7.2.2002)
Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern hat Kanzlerkandidat Edmund Stoiber zum Ziel seiner ersten Wahlkampftour erkoren. Der Grund: Hier ist mit 24,5 Prozent die Arbeitslosigkeit bundesweit am höchsten. Bei der ersten Station seiner Ostdeutschlandreise war der Bayer mit viel Skepsis konfrontiert.

STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid aus Neubrandenburg
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