Putschgefahr in Nigeria wächst

6. Februar 2002, 19:35
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Hunderte Tote bei ethnisch und religiös motivierten Auseinandersetzungen in Lagos

Lagos - Bei den Ausschreitungen zwischen Angehörigen des Haussa- und des Yoruba-Volkes in einem Vorort der nigerianischen Metropole Lagos sind nach Angaben des Roten Kreuzes vom Dienstag mindestens hundert Menschen getötet worden. Mehr als 430 Menschen seien bei den Krawallen im Armenbezirk Mushin in den vergangenen vier Tagen verletzt worden, sagte der Präsident des nigerianischen Roten Kreuzes, Emmanuel Ijewere.

Ein Sprecher des Bundesstaates Lagos äußerte den Verdacht, die Unruhen seien von Unbekannten angezettelt worden, um die erwartete Instabilität zum Vorwand für einen Putsch zu machen. Den Unruhen war am 27. Jänner die Explosion eines Munitionsdepots vorangegangen, bei der mindestens 1000 Menschen getötet worden waren.

Hartes Vorgehen der Armee

Soldaten waren in Lagos hart gegen potenzielle Unruhestifter vorgegangen. Wiederholt mussten Menschen mit erhobenen Armen an den Soldaten vorbei, andere wurden unter vorgehaltener Waffe vernommen. Nach Angaben der Polizei wurden zehn Verdächtige festgenommen. Der Informationsminister für den Bundesstaat Lagos sagte, die Unruhen nach dem Explosionsunglück und einem zuvor nie da gewesenen Polizei-streik könnten inszeniert gewesen sein, um den Militärs einen Vorwand zum Umsturz zu liefern.

Unterdessen setzte der Gouverneur von Lagos eine hohe Belohnung für Hinweise auf den Verbleib Hunderter Kinder ein, die nach dem Explosionsunglück verschwunden waren. Befürchtungen wurden laut, die Kinder könnten von Menschenhändlern heimlich gegen ihren Willen festgehalten werden.

Vor Beginn einer Afrika-Reise, die ihn auch nach Nigeria führen wird, hat der britische Premierminister Tony Blair zu einem verstärkten Kampf gegen die Armut auf dem Kontinent aufgerufen. Der Westen habe hier die Pflicht zu handeln, sagte der Vorsitzende der Labour Party in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der Londoner Times. Heutzutage gebe es die beste Chance seit Generationen, die Armut in Afrika zurückzudrängen und beim Aufbau erfolgreicher politischer Systeme zu helfen.

Bei einer Vernachlässigung der Probleme des Kontinents bestehe die Gefahr, dass sich eine Situation wie in Afghanistan wiederholen könnte, warnte Blair, der den Weg für ein neues Afrika-Hilfsprogramm ebnen will, das beim G-8-Gipfel im Juni in Calgary gebilligt werden soll. (Reuters)

(DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2002)
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