Heimische Schüler haben zu wenig Zeit für ihre Begabungen

6. Februar 2002, 17:36
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SPÖ fordert mutigere Reformen

Wien - "Schüler müssen sich auf schwache Fächer konzentrieren und können so ihre Begabungen nicht vertiefen." Das kritisiert SPÖ- Wissenschaftssprecher Erwin Niederwieser am heimischen Schulsystem. Vor allem vermisst er "größere und mutigere Schritte" von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP). "Sie würde in uns einen Partner finden."

In Bezug auf die AHS-Oberstufenreform - im März sollen dazu erste Ergebnisse einer ministeriellen Arbeitsgruppe vorliegen - mehren sich die Stimmen, die viel mehr Wahlfreiheit für Schüler in höheren Klassen fordern. "Selbst Mathematiker sagen, dass alles, was man ab der siebten Klasse Gymnasium lernt, nur mehr jenen nutzt, die später ein einschlägiges Studium wählen", gibt Niederwieser im Standard-Gespräch zu bedenken und meint: "Mathematik wird als Selektionsinstrument missbraucht." Hingegen bemerke man etwa bei ausländischen Kunststudenten, die hierzulande studieren, dass sie ihre Begabungen schon frühzeitig im Schulsystem ihrer Heimatländer entwickeln konnten.

Die ideale Form der Wissensvermittlung sieht der Politiker in einer ganztägigen Gesamtschule nach skandinavischem Vorbild, die für die ÖVP aber seit jeher ein rotes Tuch darstellt. Schwedische Lehrer verdienten etwas mehr, verbrächten aber 38 Wochenstunden in der Schule, die genug räumliche Voraussetzungen biete, schwärmt Niederwieser.

Der Tiroler SP-Abgeordnete wünscht sich außerdem Lehrgänge an den Pädagogischen Akademien für Menschen, die aus einem anderen Job in der Wirtschaft in den Lehrberuf überwechseln wollen. Denn aufgrund der Altersstruktur der Lehrer (demnächst wird ein Pensionierungsschub erwartet) und der steigenden Bildungsbeteiligung werde trotz sinkender Kinderzahlen "spätestens in fünf Jahren" Lehrermangel herrschen.

Zwei Lehrer in Volksschulklassen

Weiterer Wunsch Niederwiesers: Wie in Italien sollten je zwei Lehrer für eine Volksschulklasse zuständig sein. "Diesen Luxus sollten wir uns leisten." Gerade im Grundschulalter scheiterten oft begabte Kinder, da sie keine Beziehung zum Lehrer herstellen können. "Mehr individuelle Förderung" ist das Zauberwort des Arbeiterkämmerers.

Lehrer-Teamarbeit müsste auch nach der Volksschule noch möglich sein. Kinder sollten in der Unterstufe möglichst nicht in jedem Fach einen anderen Lehrer, sondern ein kleineres Team haben, das sich gemeinsam für die Klasse verantwortlich fühlt und den Lernfortschritt wichtiger nimmt als negative Schülerleistungen. In so einem System wäre auch fächerübergreifender Unterricht leichter möglich. Das bedeute zwar mehr Arbeit für Lehrer, aber auch mehr Freude am Unterrichten, glaubt Niederwieser. Derzeit meinten viele Pädagogen aber: "Was ich im Klassenzimmer mache, geht niemanden etwas an." (DerStandard,Print-Ausgabe,7.2.2002)

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