"Telebörse": Krisengipfel am Donnerstag

6. Februar 2002, 18:24
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Undurchsichtige Rolle der Deutschen Bank - Regierung sieht sich nicht am Zug

Das Drama um Leo Kirch und seine hoch verschuldete Mediengruppe steuert auf eine Entscheidung zu. "Es sind viele Jungs unterwegs, die den Elefanten zur Strecke bringen wollen", sagt ein Branchenkenner. Nachdem die Banken signalisiert haben, dass eine Übergangslösung mit neuen Krediten wohl nicht möglich ist, wird in der Branche nun in den kommenden Tagen oder Wochen eine umfassende Umstrukturierung der Kirch-Gruppe für möglich gehalten.

Die undurchsichtige Rolle der Deutschen Bank

Dabei könne es möglicherweise zu einer konzertierten Aktion von Politik, Banken und Medienbranche kommen. Wie diese aussehen soll, ist angesichts immer wilderer Spekulationen völlig offen. In der Folge könnte die gesamte deutsche Medienlandschaft ihr Gesicht verändern. Eine undurchsichtige Rolle spielt dabei die Deutsche Bank.

In ungewöhnlicher Offenheit hatte Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer am Montag in New York verkündet: "Der Finanzsektor ist unter den derzeitigen Umständen nicht bereit, weiteres Kapital zur Verfügung zu stellen." In der sonst so verschwiegenen Finanzbranche war dies ein ungewöhnlicher Akt, der die Kirch-Gruppe ebenso verwunderte wie andere Kreditgeber. Zwar war allen Seiten klar, dass neue Kredite an Kirch schwer zu vermitteln wären. Doch die Kreditwürdigkeit öffentlich in Zweifel zu ziehen, galt manchen schon als Klientenverrat.

Murdoch und Bertelsmann als Käufer Kirchs Springer-Anteile

Eine Spekulation in Branchenkreisen lautet, die Deutsche Bank wolle schon seit Monaten andere Kreditgeber verunsichern, um das Imperium Kirchs ins Wanken zu bringen. An einem großen Auffang-Deal könne die Deutsche Bank viel Geld verdienen. Zudem verweisen Branchenkreise darauf, dass Deutsche Bank-Aufsichtsratschef Hilmar Kopper zugleich auch das Kontrollgremium von DaimlerChrysler leitet. "Kopper kann am meisten gewinnen", heißt es. Sein Ziel könne es sein, den Autoherstellern um Mercedes einen Einstieg in die Formel 1- Vermarktung zu ermöglichen. Derzeit hält Kirch die Mehrheit an der Formel 1. "Die Banken versuchen, sich die Filetstücke rauszureißen", wurde am Mittwoch in gut informierten politischen Kreisen vermutet. Als potenzielle Käufer für Kirchs 40 Prozent-Beteiligung am Springer- Verlag gelten unter anderem Rupert Murdoch und Bertelsmann.

Unumstritten jedenfalls ist, dass Kirch in der Klemme steckt. Fünf bis sechs Mrd. Euro Schulden drücken sein Imperium. Derzeit streitet er sich mit dem Springer-Verlag, ob Kirch diesem rund 770 Mill. Euro (10,6 Mrd. S) für dessen ProSiebenSAT.1-Anteile zahlen muss. Im Herbst kann Rupert Murdoch etwa 1,5 Mrd. Euro für sein Premiere-Paket verlangen. Über diesen Hebel könnte Murdoch einen stärkeren Einfluss auf das Kirch-Imperium gewinnen. Politik und Medienkonkurrenten wollen dies möglicherweise verhindern.

"Es gibt nie den letzten Joker bei Kirch"

Aus dem Kirch-Umfeld heißt es, Leo Kirch sei sich des Ernstes der Situation bewusst. "Es ist aber nicht so, dass er pleite ist." Schließlich habe sich Kirch noch immer aus der Affäre gezogen. "Es gibt nie den letzten Joker bei Kirch", sagte ein Branchenkenner. So wurde in Bankenkreisen am Mittwoch bereits wieder über einen möglichen Kompromiss im Streit zwischen Kirch und Springer spekuliert.

Krisengipfel am Donnerstag

An einer tragfähigen Lösung sind inzwischen viele Seiten interessiert. Denn der Fall Kirch schlägt auch politisch hohe Wellen. Nach Informationen der Zeitschrift "Telebörse" wollen Breuer, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) und Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff an diesem Donnerstag über die Rettung des Kirch-Konzerns sprechen.

Regierung sieht sich bei Rettung des Medienkonzerns nicht am Zug

Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye stellte jedoch umgehend klar, die Bundesregierung werde keinen wie auch immer gearteten Beitrag zur Problem-Lösung leisten. "Die Lösung muss von den Beteiligten und den beteiligten Banken kommen", sagte er. Dass Bundeskanzler Schröder an dem morgigen Gipfeltreffen teilnimmt, wurde unterdessen von einem Sprecher des Bundespresseamts dementiert: Ein Gespräch mit Schröder sei nicht geplant. Eine Bestätigung von anderer Seite gab es zunächst nicht.

Dresdner Bank soll auf Rückzahlung von Kirch-Kredit pochen

Die Dresdner Bank AG, Frankfurt, besteht Finanzkreisen zufolge auf einer Rückzahlung ihres Kredits über 460 Mill. Euro (6,3 Mrd. S) durch die Münchener Kirch-Gruppe. Der Kredit läuft im April aus.(APA)

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